In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers, die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte, doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen Nachdruck, die sie ganz erfüllten. Sie sah den armen, irr gewordenen Hund entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche, begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. — Denn in der Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie doch gleicherweise schlug. „Tod, wo ist dein Stachel?“ schlug da, grell wie eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt, wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.

Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen, konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl. Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase, und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade, zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis, sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben, hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus „herausschälte“, der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes, absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die zwei Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen, daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern zurück. — Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten, während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand. Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund, das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau, der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr, weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.

Achtes Kapitel

Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte, und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen. Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war, fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen Neugier: „Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?“

Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das „o nein!“ der Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber nicht wiederholte.

„Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,“ bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.

„Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,“ sagte die alte Dame, „der Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.“

„Aber ich bin doch kein Kind!“ rief Mariclée ganz verzweifelt. „Sehen Sie, es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen, Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann nicht dulden . . . .!“

Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen, der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte. Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die Suche nach ihr zu gehen.

„Gottlob, da ist sie,“ rief die Tochter.