„Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine Beruhigung.“

„Liebst du mich denn?“ fragte Mariclée schüchtern.

„Ich bin dir wirklich sehr ergeben,“ erwiderte die Freundin.

Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt — eine der schönsten ihrer Zeit —, die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen, wie über ihre Intellektualität, und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus — empfand sie es doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte — mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen wüßte.

Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen. Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.

Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.

„Ich bin der lebende Monat März,“ brach sie sehr unnötigerweise aus. „Immer Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es wohl,“ fuhr sie fort, „und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten, von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie davon sprechen.“ Aber dann schrieb sie ihm: „Sie wissen, wie sehr ich es hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte, weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ich liebte jene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage näher gerückt, und näher bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,“ brach sie wieder ab, „sind Sie immer krank!“

Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr auf ihrer Höhe.

Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen. Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin, rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte, auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und „heute ist nicht meine Stunde“.

Mariclée hatte eine Art, sich den „Dingen“ gegenüber engagiert zu fühlen, und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war, sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß sie das Leben auf eine etwas geisterhafte Weise vergötterte, und sie glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.