Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten, am Horizonte auf? Es war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte. Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.
Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen, die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn sie in der Abendsonne blinkten.
Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach unserer Heldin, als sie, selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich, in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen. Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.
Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?
„Mariclée! Maricleia!“ rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zu haben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen, violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt, deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war, diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen zurückzudrängen.
Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:
„Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,“ sagte sie ganz unvermittelt, „und ich frage dich nicht, aber bist du dort wenigstens gut aufgehoben?“
„Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im September länger in London zu bleiben,“ erwiderte Mariclée, die erst sehr rot und dann sehr blaß geworden war. „Es ist jetzt doch zu heiß.“
„Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.“
„Ich danke dir sehr,“ sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!