Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.
„Ich wünsche dir einen Mann,“ sagte sie, „du solltest jetzt wirklich bald heiraten.“
Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf ihn beiseite.
„Aber ich brenne doch darauf,“ versicherte sie. „Nur ist es müßig. Ich werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.“
„Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich habe dir immer gesagt . . . .“
„Dabei gefalle ich euch ja so gut.“
Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu. „Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,“ sagte sie. „Das ist’s. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die, welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder ist kein Mann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet — weißt du, auf wen ich heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln würden, sofern sie reizend wären.“
„Du weißt nicht, was du daherredest,“ unterbrach sie die Freundin.
„Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,“ wiederholte sie, „und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl, niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, ‚l’ingénu‘.“
Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum Abendhimmel empor.