Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von Bitterkeit gesättigt.
Zehntes Kapitel
Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!
Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.
„Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,“ sagte er, „die Suffragetten sind schuld daran.“
„Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine Karte nicht gut angesehen.“
Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief: Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.
„But Madam,“ rief er, „I would only be too happy if I could oblige you.“
Man denke! — sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen, seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und allgemein gesprochen, die Stellung der „Dame“ jeder Tradition entbehrt.
Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr, niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.