Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der nichtige Klang des Wortes „Tagebuch“.
Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.
Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog. Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:
„Kann ich etwas für Sie tun?“
Und er erwiderte: „Ich bin unglücklich in diesem Hause.“
Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen Kirchleins auf immer assoziiert.
Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen (einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr aufgelöst.
Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen, starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten, jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an, als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter, das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.
Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. „Ich brauchte ja keines,“ sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlug.