„O!“ rief sie, „das ist nicht recht.“
„Es war eine andere Dame da,“ sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:
„Was kosten denn die Handtücher?“
„Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,“ dröhnte die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend, nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent ein regelrechtes Exordium an:
„Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich habe keine andere Dame nicht gesehen.“ Sie sagte es wie einen frommen Vers herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je weniger Worte je besser. „Wieviel macht es?“ fragte sie nochmals. Aber so schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr. „Wahrlich, wahrlich,“ hub sie mit lauter Stimme an, „ich bin arm und geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.“ Und es klang, als sagte sie: „Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.“
O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich, daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. „Wechseln Sie mir,“ sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn. „Schnell,“ sagte sie, „wechseln Sie sofort.“ Die gottesfürchtige Alte lief mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. „Der Zug wird gleich abfahren, wir haben Verspätung,“ sagte ein Matrose.
„Ich warte auf die Stewardin.“
„Sie haben kaum Zeit,“ bedeutete er.
„Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,“ sagte sie, und lief die Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.
„Es sei höchste Zeit,“ erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht verfehlen. „Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,“ erklärte er.