Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen, rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine Strömung in Buchten zurückhielt.

Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.

Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.

Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte, sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht er stand, sondern die ihn hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell, der nur von einem Werden begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.

Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich lebte.

Dreizehntes Kapitel

Einmal besichtigte sie einen Dampfer der White Star Line, der auf dem Wege nach New York einige Stunden in Queenstown hielt, um Passagiere und die Post des ganzen Landes aufzunehmen. Immerzu liefen Männer, mit schweren Säcken bepackt, die schmale, stufenlose Schiffbrücke hinauf, und dachte man, sie seien jetzt endlich zu Ende, so liefen sie schon wieder, einer hinter dem anderen, unter ihrer Last gebückt, mit neuen Säcken einher, und einer, ein Zwerg, war besonders geschäftig und kehrte am öftesten wieder. Mariclée verfolgte sein Tun mit gespannter Aufmerksamkeit, man warnte sie jedoch, daß sie nicht lange auf diesem Schiffe hospitieren dürfe, und nun lief sie eilig wie eine Maus hinauf, hinab, nach allen Richtungen hinein und wieder heraus, durch das Zwischendeck, die Kajüten und in die oberen Säle. Im Rauchzimmer waren an den vier Ecken Schreibtische angeschraubt, und Mariclée, von dem Briefpapier mit den roten Fahnen fasziniert, setzte sich hin und schrieb ein paar Zeilen an das Exemplar. Sie fand es unbegreiflich, daß man unsere Zeit poesielos nannte. Was konnte es Poetischeres geben, als so ein mächtiges Schiff heranziehen zu sehen, und all den erfinderischen Geist, den Fleiß, die angestrengte Arbeit der Vielen zu bedenken, die es zu diesem schönen Ungetüm werden ließen, daß dies starke Meer, selbst im wildesten Sturme ein Ding, von so schwachen Händen gezimmert, nicht mehr bemeisterte.

„Ich stünde gerne mit Ihnen auf einem solchen Schiff.“

Ahnungslos warf Mariclée diese Zeilen hin.

Vierzehntes Kapitel