Ihren letzten Tag in Irland verbrachte sie in einem alten, verwitterten Schlößchen, hart am Meere. Sie fuhr durch ein welliges Terrain, wie es bei uns im Gebirge die Almen umgrenzt, ein Hochfeld entlang, das, immer stärker umweht immer feierlicher anstieg; alle Farben wie verwunschen: ein Grün, das ins Saphirne, ein Blau, das ins Smaragdne spielte, und eine silberne Sonne. Sie sah, was ihr noch niemals vorgekommen war, grasende Kühe, die ihre Weideplätze verließen, langsam die hellen Felsblöcke erklommen, und unbeweglich niederschauten, als hätten sie Augen für dieses Land; und plötzlich, in der Ferne, ein heftiges Indigoblau, das wie ein jubelnder Schrei in diesen Farbenhimmel einriß: ein mächtiges gewölbtes Band: das steigende Meer.

Wo bin ich? dachte Mariclée.

Unten im Schlosse traf sie unter den Gästen eine schöne und sehr witzige junge Deutsche an, ihre frühere Institutsgefährtin.

Das Schloß war reizend und altertümlich, hatte eine köstliche Stiege und war von raffiniertem Komfort. Es stand geschützt und behauptete ganz allein einen merkwürdigen, winzigen Hafen.

Bis zum Ufer streckte sich ein sorgfältig gepflegter Garten hin, und leuchtende Blumenbeete so hart am Meer hatten etwas Unwahrscheinliches, Kostbares und Faszinierendes. Es war ein blauer Schimmer über sie gebreitet, und auf den breiten Blättern der niederen Palmengewächse lagen saphirblaue Reflexe. Aber der Tannenwald, der hinter dem Schlosse die Anhöhe hinaufzog, schlug wieder eine andere, sehr unerwartete Note an, und stellte einen gemütlichen, anheimelnden und sehr deutschen Hintergrund. Mariclée wußte garnicht wohin sie schauen sollte.

Als früh am Nachmittage ein Ausflug in der Jacht zum Vorschlag kam, meldeten sich drei oder vier andere Gäste und die Kinder, es wurde also in zwei Booten weiter in den Hafen hinausgerudert, wo sie verankert lag. Sie war sehr klein, man rückte ziemlich enge zusammen, und Mariclée stellte sich vor eine Luke, teils ihr teils den anderen zugewandt und sich mit ihnen unterhaltend. Aber bald kehrte sie sich der Luke immer öfter zu und fand es immer mühsamer sich an den Gesprächen zu beteiligen, als rückten die Sprecher immer weiter von ihr weg. Der Hafen war von niedrigen Bergen umzogen, die man doch keine Hügel nennen konnte, ihre Grate liefen ganz nach Bergesart und auf ihren hellgrünen Abhängen weideten Kühe. Die Jacht schoß an ihnen vorbei, steuerte ins Uferlose hinaus, hob und senkte und legte sich, wie es den Wogen beliebte. Sie passierte eine kleine, schwarze, uferlose Felseninsel, die nie ein Fuß betreten hatte, die aber eine Art Walhalla der Raben zu sein schien. Mit unbeweglich ausgestreckten Schwingen sie umkreisend, sich in das Geklüfte niedersenkend, schwebten sie dann wieder langsam, feierlich empor.

Sie gehörte ihnen; diese Insel war ihr Reich. Mariclée dachte an den Tag zurück, an dem sie als Kind zum ersten Male ein Konzert besuchte; wie sie sich freute, und wie enttäuscht sie dann gewesen war. Sie hatte sich die Klangwirkung eines Orchesters noch idealer ausgemalt. Sie hatte sich die Musik noch schöner vorgestellt! — Aber rauschte hier nicht eben jener früh und unbewußt von ihr erträumte Urquell, aus dem wir unsere Tonwellen schöpften, sie auf Instrumente überleiteten und transponierten? Hier schwoll es an, das mächtige Originalcrescendo, das große Dolente; hier waren die zärtlichen Harfen und die Oboe her, und die Attacca subita der Klarinetten und das Einstimmen der Waldhörner und die bebenden Flöten, die sie gemeint hatte . . . Die Beethovenschen Symphonien heroische Abstraktionen, die Partitur des Tristan eine Bearbeitung und eine Reduktion! und jener dritte Akt, der so golden hervorquoll, hier strömte und blutete er.

Sie lauschte.

Jemand zupfte sie am Ärmel, und sie spürte den Schmerz der Schlafwandlerin, die ein jäher Ruf ins Leben zurückschreckt. Sie wandte sich um, vernahm ganz deutlich, was ihr gesagt wurde, und mischte sich freundlich und geduldig ins Gespräch. Aber sobald es anging, kehrte sie sich wieder der Luke zu und starrte hinaus. Von einem solchen Sturm der Gefühle hatte sie nichts gewußt. Ihr Verhältnis zur Natur war ja so unberechenbar, so morbid und solchen Schwankungen unterworfen! Und nun nahte sie ihr wie ein zwingender Gott; von ihrer Schönheit fortgerissen brach ihr Herz und wie entwurzelt gab sie sich mit aller Wonne und allen Schauern hin, und wandte ihr ein Antlitz zu, das nur der Mann, den sie liebte, je an ihr gesehen hatte.

Fünfzehntes Kapitel