„Ich heiße Klara,“ sagte die alte Dienerin, als sie am nächsten Morgen mit großem Zeremoniell das Frühstück auftrug. Ihre anderen Mahlzeiten nahm Mariclée außer Hause, aber dieses Frühstück war schon wirklich ein Genuß. Der Aufwand an Silber und gedeckten Silberschüsseln, das Porzellan mit dem optimistischen Tulpenmotiv, die breite, niedrige Teekanne, alles so beschwichtigend! Die alte Klara befehligte noch eine junge Maud, und wenn das Haus geschlossen war, beschränkte sich das Dienstpersonal auf diese zwei. Doch niemals hätte Maud die Lippen geöffnet und zu Mariclée ein Wort gesagt; sondern titulierte Chorführerin war Klara. Sie brachte jetzt die Meldung, daß die Zimmerglocke zum Unglück abgerissen sei, doch würde sie noch heute den Monteur bestellen, um sie zu richten. Indessen konnte sie oder Maud von oben jederzeit hören, falls man sie riefe. Die nächstliegende Türe ging direkt auf die Diensttreppe hinaus. Mariclée wollte aber nicht dulden, daß man ihretwegen etwas reparieren ließ. Tagsüber brauchte sie nichts, heißes Wasser hatte sie ohnedies, und sie konnte ja rufen. Die absolute Abgeschiedenheit in einem so schönen Hause beliebte ihr in der Tat, wie ihr die stille Straße inmitten des belebtesten Viertels behagte. Sie machte sich zum Ausgehen bereit, weihte das schöne Briefpapier damit ein, daß sie dem Exemplar ihre Ankunft meldete, verließ das Haus, warf ihren Brief in den gegenüberliegenden Schalter und sah sich um. Sie wohnte in Grosvenor Street, so glänzend und geschützt, als sich nur wohnen ließ. Wenn sie um die Ecke bog, war sie in Piccadilly, dem Green Park und Ritz gegenüber. Ihre Freundin hatte recht gehabt; hier lebte sichs anders, wie in der Viktoria Street auf den grasigen Hof hinaus, mit der rauhen und schmucklosen Gotik des finsteren Kirchleins. Man sah hübsche und lebensfrohe Gesichter, hyperschlanke und reizende Gestalten.

Eine frühherbstliche Sonne schien weißlich, aber warm hernieder. Mariclée trug ein grünes Kleid, weiße Handschuhe und einen dunkelgrünen Hut mit einer langen schwarzen Feder.

So ging sie leichten Schrittes dahin. Das Wetter war so schön; sie wollte den Weg bis zur Bildergalerie zu Fuß zurücklegen. Als sie vor der deutschen Botschaft vorbeikam, machte sie einen weiten Bogen. Sie hatte jetzt mehrere Bekannte in London, die sie aber vorerst alle zu meiden beabsichtigte, denn wiederum, auch jetzt, noch einmal andere Menschen zu sehen, bevor sie den einen sah, für den sie ausschließlich gekommen war, nein! dies ertrug sie nicht. Morgen früh hatte er ihren Brief, übermorgen würde sie wahrscheinlich die Antwort haben und ihn eventuell überübermorgen sehen. Sie konnte an nichts anderes mehr denken. —

Als sie die Galerie verließ, schlug es drei. Schon so spät! Gottlob. Auf welche Stunde würde wohl der Zeiger deuten, wenn sie ihn wiedersah?

Sie war überzeugt, daß für alles Künftige ein genaues Orarium, zwar nicht ausgegeben, wohl aber ausgefertigt stand. Sehen würde sie das Exemplar, daran zweifelte sie eigentlich nicht, obwohl er ihr inzwischen kein einziges Mal geschrieben hatte. Dies war nun einmal, leider Gottes, seine Art. Aber auch sonst wußte sie gar nichts mehr von ihm. Sie hatte in Irland meist nur irische Zeitungen zu Gesicht bekommen. So war sie doch zugleich von einer gewissen Unruhe erfüllt. — Vor abends wollte sie heute nicht nach Hause zurückkehren. Briefe konnten doch noch keine vorliegen. Und wo sollte sie nun essen? —

Dies war für sie eine sehr wichtige und dadurch sehr komplizierte Frage, daß sie für ihre Mahlzeiten weder viel ausgeben konnte noch wollte, dabei aber, wenn sie allein war, und zumal in England stets nur schöne Lokale in Betracht zog. Die Teehäuser, die es hier alle paar hundert Schritte gab, und die man ihr so warm anempfohlen hatte, waren ja sicherlich anständig, o gewiß! äußerst preiswert, und infolgedessen für jemanden, der nichts besaß, vollkommen angezeigt, sie leugnete es keineswegs; nur ging sie nicht hinein; nur verging ihr alle Lust zu essen, wenn sie vor einem dieser ungedeckten Marmortischchen Platz genommen hatte und umhersah.

O! diese Monotonie! o dieses tearoom Publikum! wie ununterschiedlich, wie unindividuell! Es schien irgendwie eine Beziehung zwischen ihm und den drei ewig selben Kuchensorten zu sein, die Tag aus Tag ein über ganz London hin gebacken werden, und auf der Welt keine vierte und ohne je eine Variante, oder auch nur den Gedanken an eine Variante, weder bei den Konsumenten, noch den Leitern dieser „establishments“. Warum sollte sie da hineingehen? ihr bißchen Geld ausgeben, um sich deprimieren zu lassen? Dies war ganz und gar nicht ihre Art zu rechnen. Aber für heute, in Gottes Namen wollte sie eine solche Bude betreten, sie war so müde, ihre Füße trugen sie nicht weiter, und sie kannte sich noch nicht aus. So ging sie denn hinein, blickte umher und war schon wieder unglücklich.

Wenn wir noch einen Moment bei dieser ihrer gewiß pathologischen Empfindsamkeit verweilen, so geschieht es nur, weil eben hier der Grundton ihres ganzen Wesens lag. Mariclée mußte immer vergessen. — Auf diesem einfachen Leitmotiv baute und gliederte sich bei ihr alles andere auf. Wer dies von ihr wußte, der kannte sie durch und durch, denn alles andere war sie nur beiläufig, von ungefähr, nebenbei, aber nicht wirklich. In anregender Gesellschaft konnte sie für „Außendinge“ von beispielloser Unaufmerksamkeit sein, wie sie dann oft keine Ahnung hatte, was sie aß, aber allein, in einem stimmungslosen Lokal, vor einem ungedeckten Marmortischchen, billigem Porzellan und ungeschliffenen Gläsern — da war sie wie ein Fisch, der auf das Brett geworfen wird, ihrem Lebenselement entrissen und schnappte nach Luft. Denn da gab es für die arme Mariclée nichts zu vergessen —, sondern da wurde sie erinnert. —

Einmal und nicht wieder, dachte sie, indem sie zahlte und mit einem mißmutigen Gesicht das Teehaus verließ. Die Sonne stand noch hoch, es war gerade viertel nach drei. Sie seufzte. So langsam also konnte ihr die Zeit verstreichen, wenn ihr etwas nicht paßte! Ein Ausrufer bot ihr Zeitungen an, sie kaufte an alten was noch aufzutreiben war, nahm eine neue dazu und ging in den Park, um sie im Freien zu lesen . . . . Als sie Whitehall hinunter ging, kam ihr ein Totenwagen, — der hellbraune Sarg in einem gläsernen Kasten weithin sichtbar — in grader Linie entgegen. Und abergläubisch wie sie war, hielt Mariclée inne und atmete für den Augenblick erleichtert und zuversichtlich auf.

Ihre Zeitungen nahm sie dann aufs Geradewohl und ohne auf das Datum zu achten, her; sie wollte vor allen Dingen nachsehen, ob sie eine Nachricht über das Exemplar enthielten, und das erste, wovon sie da las, war die Beisetzung eines seiner nächsten Angehörigen, so daß die Familie, in die er geheiratet hatte, in tiefe Trauer versetzt war. Ihr Herz stand still — nicht ob des Todesfalles; mochten sie wie die Mücken um ihn herum sterben, es kümmerte sie kein bißchen. Aber sie bedachte, daß er am Ende gar nicht war, wo ihr Brief ihn suchte, denn diese Beisetzung war anderwärts, dann durfte sie wiederum auf eine Verzögerung gefaßt sein, dann ging der Tanz von vorne an. Nein, das ertrug sie nicht. Aber das Blatt war ja schon mehrere Tage alt, Gottlob, er konnte zurück sein. Und kränker war er auch nicht, denn er hatte jenem Begräbnis beigewohnt; hier stand es. Und sie faßte sich wieder. Die anderen Blätter brachten nichts mehr über ihn. Mariclée raffte sie zusammen, sie würde sie zu Hause lesen. Jetzt war sie nicht imstande. Ein Fieber, eine Unruhe trieb sie von ihrem Platze fort, zu gehen, rastlos, immerzu, wieder hinaus in die endlose Stadt, wieder zurück in den Park. Und ihre Augen sogen alles ein, das früh verbrannte Laub der Bäume, den stillen Himmel, der darüber hing, das glatte Grau der dunkelnden Paläste, das matte Grün der Rasenflächen, das lichte Schwarz des Teichs. Aber diese Augen trugen wieder den gezogenen, harmvoll matten Glanz des Kranken, der durch eine trennende Scheibe und als ein Verbannter diese Dinge sieht. O Gott, sie liebte sie so sehr, daß sie sie alle vorweg nahm. Und eben darum war sie in ihnen nie enthalten. Wenn aber einer, der es gut mit ihr meinte, da zu ihr hingetreten wäre und freimütig und plumperdings zu ihr gesagt hätte: „Was tun Sie hier? Warum sind Sie gekommen? Was vergeuden Sie Ihre schönsten Jahre und Ihre letzten Groschen, um einer möglichen Versorgung aus dem Wege zu gehen, und statt nach einem braven Mann zu fahnden, übers Meer, einem Vergebenen und für Sie Verlorenen nachzuziehen? Besinnen Sie sich doch! Das Leben ist zu ernst und Ihre Lage zu gefährdet!“ Da hätte Mariclée mit besorgter Miene zugehört, nachdenklich genickt und seufzend zugestimmt, wie sie es tat, als man ihr jene tearooms anempfahl. Denn kein unvernünftiges Wort kam jemals über ihre Lippen. Aber wenn dieser wohlmeinende Freund auch noch gefragt hätte, (was sich vielleicht auch der Leser kopfschüttelnd fragt!) „Was wollen Sie denn eigentlich?“ so hätte sie wieder gelächelt, jenes leichtfertige etwas verschmitzte Lächeln, das in Glenford den Don Juan intrigierte. Was sie wollte? Was sie sich zu wollen erlaubte? Was sie sich herausnahm? Geduld! — Dies Buch ist ja zu keinem anderen Zwecke geschrieben, als um es zu verraten.