Siebzehntes Kapitel

Sie ließ sich erst spät mit dem zierlichen Schlüssel, den ihr die alte Klara am Morgen überreicht hatte, in ihren geborgten Palast ein. Alles war still, sie hörte nie ein Flüstern, nie einen Laut, nie einen Tritt, außer von ihrem Zimmer aus, wenn Klara oder Maud auf der Diensttreppe waren. Aber nie trat ihr auf der weiten Marmortreppe jemand anderer entgegen, als in dem hohen Spiegel, an dem sie vorüberzog, ihr eigenes Bild, nie hörte sie auf den glatten Fliesen andere Schritte verhallen, als die ihren.

Am nächsten Morgen blähte ein herbstlicher Windzug ihre Vorhänge auf und zum ersten Male, seitdem sie nach London gekommen war, zeigte sich die Sonne nicht. Sie war beim Ankleiden, als es an ihrer Türe klopfte. Ein gellendes Klingeln scholl durch das ganze Haus und gleich darauf zeigte Klara ihren alten Kopf. Es sei ein Ruf vom Fernamt, und sie nannte zu Mariclées tödlichem Schrecken den Namen des Exemplars. Ob Fräulein Klee heute nachmittag um fünf Uhr den Tee bei ihm nehmen wollte, er würde um diese Stunde in London sein.

„Ich werde kommen,“ sagte sie tonlos. Die alte Klara eilte mit der Antwort hinab.

Mechanisch fuhr sie fort sich zu frisieren, aber ein kreideweißes Gesicht starrte jetzt aus dem Spiegel.

Was sollte sie anziehen?

Dies war ihr erster Gedanke. Sie hatte drei Feierkleider für die geplante Begegnung in Bereitschaft: das grüne, das sie gestern trug, ein weißes, und ein dunkles bleu-ardoise, das Einzige, was sie bei diesem trüben Wetter wählen durfte. Sie zog es an, und sah darin schmal und gerade aus wie eine Kerze. Und wie von einem magischen Reflex berührt, ward ihr Antlitz plötzlich so ganz genau dasselbe wie damals, als sie zuletzt mit ihm zusammen war, genau derselbe Ausdruck, dieselben blauen Irradiationen, die ihre Augen untermalten wie zuletzt, jenes Gesicht, ihr einzig wahres, ein abkunftloses, nur von ihm erkanntes, seltenes Gesicht, das seinige, da es für ihn nur an das Licht trat, wie ein Kronschatz, der nur dem Einen taugt, dem Unbefugten aber schwer und unzugänglich in den Schrein zurücksinkt. Selbst ihr Körper wurde schärfer umrissen, und seine Linien traten beseelter, ihre leichten Schultern flügelhafter noch hervor. Ihre oft so leblosen Augen aber schienen jetzt wie Wachslichter bei Tageshelle, denn etwas Abendliches, etwas, das der Tag bekriegte, und das sich selbst verfechten mußte, behielt sie stets. „Klara! Klara!“ rief sie und stürzte hinaus. Und die alte Chorführerin, von der Lebhaftigkeit ihrer Stimme erschreckt, eilte herbei, als sei ein Unglück geschehen.

„O Klara!“ sagte Mariclée, „ich brauche einen Schleier, wo finde ich ihn am besten? dieser Hut braucht eine Zutat; er sitzt so schlapp!“

„Bei Selfridge, ganz in der Nähe ist alles zu haben,“ versicherte die andere atemlos. „Aber der Hut sitzt schön, meine Gnädige.“ Und sie sah fast ein wenig betroffen zu ihr auf. War dies derselbe freudlose, etwas saturnische Gast, der unter diesem Dache einzog?

„Er muß gehoben werden. Da, von der Seite,“ sagte Mariclée und maß sich mit kritischen Blicken.