Selfridge, ein kalkweißer, weithin sichtbarer Monumentalbau im Geschmack Sardanapals, bot in der Tat alles, Schuhlitzen und einen Wintergarten; auch leidliche Speisesäle in den oberen Stockwerken, wo man à la carte essen konnte. Es stand auch ein einladendes Büfett beim Eingang. Doch graute Mariclée vor den Fleischplatten. Sie war eigentlich hungrig, aber die Angst schnürte ihr den Hals zu: Sie hatte auf die Uhr gesehen, und es war zwei Uhr. In drei Stunden also. — Dieser Speisengeruch war furchtbar. Und glitt da nicht ein Sonnenstrahl die Wände entlang? Eine lichtblaue Fläche hatte sich, wie ein heiterer See, in das stumpfe Himmelsgrau hineingerissen. Sollte sie da nicht schnell nach Hause? stand ihr das grüne Kleid nicht besser? — Gott! — wie der Herr da drüben essen konnte! — was aß er denn? es sah vortrefflich aus; das hätte sie auch gern gegessen, wenn sie hätte essen können. Und mit einem Male schienen ihr all diese essenden Menschen namenlos grotesk. Der Hunger war der große Rattenfänger, die Speisen die Noten, aus denen er seinen Lockruf zusammensetzt, und zwar so, daß man nicht merkt wie man ihm folgt, und stets so viel genauer weiß was man ißt, als daß man ißt. Weil aber Mariclée in Folge ihrer gesteigerten Verfassung heute den Tanz so deutlich sah und die Pfeife nach der man sich in diesem Saale drehte, so deutlich heraushörte, wollte keine Aufforderung an sie gelangen, und sie mußte von dem Tanzboden herab.
Die grauen Wolken hatten indes den lichten Himmelssee wieder verschlungen und die Luft blieb regnerisch. Mariclée eilte nach Hause, wand und befestigte den Schleier auf ihrem Hut und probierte ihn bald so, bald anders. Es war die einzige Beschäftigung, auf die sie sich jetzt konzentrieren konnte. Als dann die fünfte Stunde herannahte, verließ sie das Haus und nahm einen Hansom, der denselben Weg einschlug, den sie Tags zuvor in der Sonne zurücklegte: St. James Street, Trafalgar Place und Whitehall hinab: fünf Uhr, fünf Uhr, fünf Uhr stand auf allen Zifferblättern zu lesen und silbern ertönten fünf Schläge vom Westminsterturm. Mariclée starrte mit der Miene einer Gerichteten auf die grau glasierten Plätze und Straßen als müßte sie Abschied nehmen von allem, was sie erblickte. Die alte Abtei stellte hier einen Abschluß von seltener Majestät, die schöne niedrige Kapelle stark im Vordergrund, und der weitläufige, gebieterische Bau so königlich gelagert. Ein edler, höchst menschenwürdiger Platz, dessen Vorzüge sie jetzt mit geschärftem Auge erfaßte. Bei dem Tore, von welchem aus Karl I. seine letzten Schritte ging, bog jetzt der Wagen in eine stille und imposante Seitenstraße ein, fuhr noch zwei glatte, hochfenstrige Fassaden entlang und hielt. Mariclée, die reichlich Münze bei sich hatte, reichte, um Zeit zu gewinnen, dem Kutscher ein Pfund zum wechseln hin und ließ ihn in ihre Börse stecken, was er für gut erachtete. Sie stand nur dabei. Indessen öffnete sich die Türe des Hauses, bevor sie noch Zeit hatte zu läuten; sie trat in eine reizende Halle, sah zwei Diener in schwarzer Livree, die von ihrem Kommen unterrichtet schienen und ihren Herrn jeden Augenblick erwarteten. Mariclée hatte noch Zeit eine Stiegenrampe zu erblicken, viel zierlicher und schöner als die in Grosvenor Street, dann sah sie nichts mehr, denn in demselben Moment war die Halle von dem Geräusch eines stoppenden Autos erfüllt und Mariclée wandte sich um. Sie sah einen Herrn, dessen Affektation sie nicht minder frappierte wie seine Eleganz, langsam aber scheinbar mühelos die Stufen emporsteigen und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
„Halloh, da sind Sie ja!“ sagte sie mit einer völlig unangebrachten erkünstelten und blödsinnigen Degagiertheit.
„Haben Sie gewartet?“ fragte er.
Und sie bemerkten nicht, daß sie einander gar nicht begrüßten.
„Wir hatten eine Panne.“
„Wir!?“
Mariclée starrte wieder auf den Eingang hin und sah eine Dame in tiefer Trauer aus dem Wagen steigen. Bevor sie noch einen Gedanken fassen konnte, schoß ihr alles Blut mit solchem Ungestüm zu Kopfe, daß sie schwankte wie ein Rohr. Er, der indessen ihr Gesicht im Auge behalten hatte, stellte sich alsbald schützend vor sie hin, als wisse er vor ihr von ihrer Bestürzung. Er deutete auf eine gegenüberliegende Türe und ging, ohne ein Wort zu sagen und ohne sich umzusehen, darauf zu, und sie wußte nicht, wie es kam, daß sie dasselbe tat, und daß er Schritt mit ihr hielt und sie geleitete.
Sie betraten das Zimmer, und er schloß die Türe hinter ihr zu; niemand folgte ihnen und sie waren allein. Sie empfand eine große Leere im Kopf und eine große Unsicherheit in den Knien, ging auf einen Lehnstuhl zu, setzte sich aber nur auf die Lehne, als sei sie nur ganz provisorisch hier, und er nahm schräg ihr gegenüber Platz. Warum hat er mir das angetan? dachte sie.
„Wie geht es Ihnen?“ fing sie an, „und was fehlt Ihnen eigentlich?“ Er sprach von einer verschleppten Malaria, aus der die Ärzte nicht klug würden; von einem bösen Fieber, das unversehens immer wiederkehre. Das einzige, was ihm tauge, sei Sonne und staublose Luft. Dies Frühjahr habe er allein mit einer Wärterin auf einer Jacht in Afrika verbracht.