„Nein! uns entwischen Sie nicht!“ rief die Dame im Strandkleid. Und jetzt regnete es auf Mariclée neugierige Fragen ein, die sich natürlich alle auf die Deutschen und Deutschland bezogen. Da zäumte sie ihr stets gewilltes Paradepferd und predigte über ihren im ganzen Lande mit Zischen aufgenommenen Text, auf dem sie immer beharrte: Die Liebe der Deutschen für England. Auf die Wahrheit dieses Textes kam es ihr auch gar nicht an, sondern auf die für sie unumstößliche Tatsache, daß unsere nationalen Eigentümlichkeiten sich zu sehr zugespitzt hatten, um eine weitere Steigerung zuzulassen. So konnte man vor allen Dingen nicht mehr französischer, nicht mehr englischer werden . . . . . . Mariclée suchte die Zukunft Europas nicht auf dem Wasser, sondern im Blut. War es denkbar, daß in einem täglich kleiner werdenden Erdteil stammverwandte Völker, deren so geteilte Qualitäten der endlichen Kreuzung dringend bedurften, allen Ernstes daran dachten, sich zu bekriegen?

Es war jedoch, als trieben die Beiden ein neues Spiel mit ihrer Leidenschaft, indem sie als Variante ihres gegenseitigen Interesses ein gemeinsames vom Zaune brachen. Mariclée war zu dünn besaitet, um es nicht herauszufühlen; sie kam sich zwischen den Beiden vor wie der Block unter dem Schaukelbrett und mit einem Male ließ sie los, hörte auf, den unbewegten Mittelpunkt zu bilden, störte das Gleichgewicht und unterbrach das Spiel. Plötzlich aufblickend, ergriff sie den Arm der Dame, hing sich ein und sagte nichts mehr. Sie fühlte sich heimisch zwischen diesen Beiden und es lag nun einmal nicht in ihr zu moralisieren. Den Nächsten auf seine Moralität hin zu prüfen war ein Unterfangen, für das ihr Talent und Interesse gleicherweise fehlten. Die Moralität des anderen war alles, nur kein Standpunkt. Wie seine Lunge, sein Pulsschlag oder seine Post, war sie nur für ihn selbst unendlich wichtig und existierte nur für ihn. Sein Glück aber, das Glück, wo immer sie es gewahrte, das existierte auch für sie, mit dem hielt sie Gemeinschaft, und das steckte sie an. Denn das Glück, während es währte, hatte geradezu etwas, das der Zeit zu gebieten schien und sie irgendwie gänzlich überbot, so daß ihr Herz sich daran fangen konnte und seinen Rhythmen hingab.

Auf der Schattenseite des Hauses warteten indes ein paar Gäste, in tiefen Korbstühlen vergraben, auf die Rückkehr der anderen und sahen lächelnd das seltsame Trio einherziehen.

„Cornelia und mein Vetter, die schon wieder von dem deutschen Mädchen nach Hause gebracht werden,“ bemerkte eine Dame. „Es ist doch zu spaßhaft für Worte!“

„Sie hat eben eine Mission,“ sagte ein Herr; „verirrte Schafe zu suchen und heimzutragen; das ist doch sehr schön.“

„Arme Cornelia!“ lachte eine Dritte. „Warum stieß sie das Fräulein nicht in den Bach?“

Mariclée übersah von weitem die Situation.

„Ich wurde gefunden und in die Mitte genommen,“ verkündete sie.

„Sie rissen mir aus,“ sagte jetzt ihr gestriger Partner verbindlich, doch ohne sich um sie zu bemühen.

„Nein, Sie ließen mich im Stich,“ gab sie lächelnd zurück. Sie wußte ganz gut, daß sie es mit ihm verdorben hatte.