Plötzlich, wie auf einen inneren Stoß hin, und von einem leisen, unerklärlichen Schrecken erfüllt, riß sie die Augen auf. Sie lag jetzt im Dunkeln, den Blick auf die weite Sternenbahn, die vor den offenen Erkerfenstern still feierlich vorüberzog. Und in der Ferne, und schon wie abgekehrt, der wissende, erbleichte Mond.
Sie war so schläfrig gewesen. Warum war sie so schnell erwacht? des kühlen Luftzuges wegen, den sie spürte? O nein! — ihre Wangen, ihre Hände fieberten. Welch holder Dämon war an ihr Lager hingetreten und hatte ein Bild entfacht, entschwundene Hoffnung wieder zu beseelen? Ein Bild: weiter nichts. Aber Mariclée war etwas von einer Sibylle; und es konnte nicht anders sein, als daß die Gabe zu träumen in ihr erstarken durfte und jener „leere Raum“, den es nicht gibt, in ihr entstand, der allein sich eignet, den Reflex des Künftigen und jene vorausgeworfenen Schatten aufzunehmen, welche als die sicheren Herolde den Dingen vorauseilen, die noch nicht geschehen und schon unentrinnbar sind. Aber das Bild? — — Das Bild war einfach ein Riesenleuchter gewesen, aus welchem unvermittelt, ohne daß eine Kerze darin stak, eine Flamme aufschlug, warm, grell und ohne Rauch. Diese Feuergarbe aber war es, deren beglückender Hauch Mariclées kummervolles Herz zum Stocken brachte, daß sie leise aufgeschreckt den Atem anhielt und erwachte.
Aber sie überdachte nichts, denn der Schlaf hielt sie jetzt im Banne. Das Grün, Braun und Grau war noch ein und dieselbe nächtliche Wand: unsichtbar fiel der hohe Brunnenstrahl hernieder, und Baum und Hügel hoben sich von der dunklen Luft nicht ab. Nur die Umrisse der Putten und der Statuen des Gartens fingen schon an, sachte um ihr Dasein zu ringen, wie das Weiß der Wände in Mariclées luftigem Zimmer, das weiße Kleid, das vom Stuhle hing und ihr weißes Bett. Und plötzlich, wie bei einer Puppe, die, aufgerichtet, ihre Lider zurückschlägt, standen wieder ihre Augen auf einen inneren geheimnisvollen Ruck hin offen. Sie sah ihre Hand, die mit geisterhafter Blässe von der weißen Decke herabhing. Sie war kalt von der Luft, aber es hatte noch eine andere Bewandtnis mit ihr. Welches Band? welche Erinnerung? Und dann? was weiter? . . . . . aber sie brauchte nicht lange zu suchen. Soeben hatte sie Rosen in Menge gehalten, diese Hand, die jetzt so leer herabhing, und sich nach Rosenstöcken ausgestreckt und nach Rosen gegriffen, die sich nicht wehrten, sondern deren lange Stiele ihr gleichsam in die Finger folgten, daß diese sie schon gepflückt hielten, bevor sie sie noch brachen. Es waren langstielige, halb erschlossene, heftige Rosen, wie die, welche Mariclée vor zwei Tagen in einem Londoner Schaufenster bewundert hatte. Mit der Linken hielt sie einen großen Busch solcher Rosen an ihr Herz, während die Rechte, die jetzt so leer von der Decke herabhing, immerzu nach neuen roten, dornenlosen Rosen griff und noch ganz erfüllt schien von ihrer Blätterfülle, ihrem Atem, ihrer duftenden Seele, so lebendig war das Bild, so wesenhaft jene Rosen gewesen. Und jetzt durchlief ein Schauer Mariclées Adern. „Ich werde ihn sehen,“ dachte sie, und schloß die Augen, wie um noch einmal zu dem entschwundenen Pfade zwischen den geträumten Rosenstöcken zurückzufinden. Draußen aber ballten sich jetzt die Schatten und schoben zusammen wie zum Streit und begannen den Rückzug. Die Wipfel spürten schon die Helle des nahenden Tages, der Steg unterschied sich vom Strauche, und die Wege kannten sich wieder aus.
Da zum dritten Male taten sich vor Mariclée die hörnenen Tore des Traumes, die uralten, mitleidig auf, sie einzulassen, und wiesen sie zu einem Flusse hin, der unter einem sonnigen Himmel seinen blau leuchtenden Strom in Eile dahintrieb. Sie aber ging bange und traurig am Ufer entlang, ohne den Grund ihrer Schwermut zu wissen. Dennoch ging sie leichten Fußes ihren schönen Pfad. Weiße Wolken überzogen die Sonne und tönten das Licht zu jener seelenvollen, süßen, herben, holden Fülle ab, mit der nur ein österreichischer oder deutscher Himmel Wege, Wälder, eine Tanne, einen Felsen überhängt. Und immerzu steigerte sich das magische Leben der Landschaft. Mit einem Male verengte sich der grünende Pfad, ein Strauch fing sich an ihr Kleid und hielt sie zurück. Sie wandte sich, um ihn loszumachen, da hingen an den Spitzen der nackten braunen Hecke kleine goldgelbe Strahlenblumen von einem so balsamischen Duft, daß sie leise erschreckend den Atem anhielt und erwachte.
Zugleich aber fielen jetzt die Fesseln des Schlafes von ihr; sie fuhr empor und stürzte ans Fenster und grüßte mit weiten Augen den silbernen Himmel, das Herz von Hoffnung so geschwellt, daß es hinaustrieb mitten in ein glückliches Meer. —
Es war einer jener strahlend schönen Tage, wie sie der September mitunter zur Nachfeier des Sommers noch aufbringt. Während die Gäste, um Golf zu spielen, sich ziemlich nach allen Richtungen entfernten, nahm Mariclée den Augenblick wahr, schlich sich davon und zog die leere, sonnenbeschienene Landstraße hinab, um mit ihren drei Träumen allein zu sein; denn sie hallten noch so mächtig in ihr nach, daß sie in ihnen wie in einer Wolke einherging. Die warme, rauchlose Flamme, die aus dem Leuchter schlug, wellte in ihr empor, und sie dachte an die Rosen, den Fluß und die braune Hecke mit den kleinen, balsamisch duftenden Blüten. Im Sarntal hatte es einmal ein Fluß so eilig gehabt, sie erinnerte sich wohl. Und weißes Geball hatte sich immerzu vor die Sonne gestellt und mit ihrem Lichte gespielt.
Wie man sich manchmal an einem Wochentage mit der Empfindung trägt, daß es Sonntag sei, so war ihr an diesem Septembermorgen immer, als sei es März; Ende März, in der Gegend von Meran. Dort sprossen solche gelben Strahlenblüten an den Spitzen der Hecken; und Mariclée hielt inne vor einem Strauch, den eine laute Biene umsummte; ihr war, als müßten sie hier hervorbrechen, goldgelb, balsamisch und mit derselben Plötzlichkeit wie in der vergangenen Nacht. Aber der Strauch war welk, seine Blätter still und müde und bereit zu fallen; — es war ein Mißton mitten in ihrer Stimmung voll seltsamer Weihe, als sie sich darauf besann. „O Gott!“ dachte sie erschrocken, „wie bin ich von der Wirklichkeit verlassen!“ — Aber dann fand sie oder besser verlor sich wieder. Die Sonne, vor welcher die Hirngespinste der Nacht bis in den fernsten Winkel des Gedächtnisses spurlos zu verwehen und verblassen pflegen, schlug die ihrigen nicht in Flucht. Vielmehr traten sie jetzt mit der Schärfe und Deutlichkeit des Schattenrisses hervor.
Wie sie da im mittäglichen Schein einsam ihres Weges zog, dachte sie glücklichen Herzens an ein Wiedersehen, und es war für sie ausgemacht, daß es nahe bevorstand. Nichts beirrte sie in dem Glauben. Es machte sie nicht stutzig, daß sie es in ihrer gegenwärtigen Verfassung so schlecht ertrug, mit Menschen zusammen zu sein und ihre Stimmen zu hören oder mit ihnen zu sprechen. — Als sie jetzt eine Gruppe, die ihr vom Schlosse zu sein schien, von ferne auftauchen sah, machte sie eilig kehrt, bevor sie von ihr erblickt werden konnte.
„Wem laufen Sie denn davon?“ rief ihr da eine lachende Stimme zu. Und das Liebespaar der Fontäne, das unbemerkt hinter ihr hergegangen war, vertrat ihr den Weg. Die Dame trug jetzt ein luftiges Strandkleid, und er, mit weißen Schuhen und einem lichtgrauen Hut, hatte sich ihr nicht minder hochsommerlich angepaßt.
„Ich wollte es nur mit jenem Wäldchen versuchen,“ erklärte Mariclée, „es wird wirklich zu heiß auf der Straße.“ Und sie deutete auf einen schattigen Weg, der dem Parke zuzulaufen schien und den beiden im Rücken lag; denn sie dachte nicht anders, als daß es ihnen auch nur willkommen wäre, allein weiter zu gehen; die aber nahmen sie sofort, wie auf Verabredung, in ihre Mitte. (Es machte sich doch viel besser, zu dritt wieder aufzutauchen!)