Aus dem Rasen-Viereck stach eine weiße Steinbank hervor. Ein wenig hinkend, als könnte dies ihre Kontenance verstärken, ging sie darauf zu.
„Bleiben wir doch einen Augenblick,“ schlug sie vor. Von ihrer Abneigung, ihrem schnell bereiten Haß wußte sie nichts mehr. Sie begriff so wohl, daß man mit diesem Manne ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate glückliche Zeiten lebte, und daß man ihm nicht widerstand. Es ging ihr nur wie an jenem Tage bei Selfridge: aus irgendeinem Grunde durfte sie wieder nicht mittun und mußte vom Tanzboden herab.
So wenig subtil er war, hatte ein Etwas in ihrer Haltung sein Mißtrauen doch erregt.
„Haben Sie jemandem die Treue geschworen?“ fragte er mit leisem Hohne. „O ich bin selbst die Hintergangene!“ lachte Mariclée. „Meine Moralitäten haben keine moralische Basis.“
Zwischen den schwarzen Tannen sahen die Sterne mit fast böser, fast bedrohlicher Nähe herab.
„Ungeliebt hinabzufahren,“ ja das war ihr schwermütiges Verlangen geworden. Aber warum log sie und machte sich schlecht? als sei es schmählich zur Treue an sich selbst gezwungen zu sein? Sie atmete auf, als jetzt unter der dunklen Waldespforte die Dame im Atlaskleid mit ihrem Gefährten sichtbar wurde. Etwas eilig rief und winkte sie ihnen von ihrer Bank aus zu.
„Hatte ich nicht recht?“ sagte sie dann leise. „Wer bürgt uns, daß sie uns die Diskretion vergolten hätten, die ihnen von uns widerfahren wird?“ und sie sah ihn mit einem trügerischen Lächeln an, als sei ihr nur die Gelegenheit nicht günstig genug gewesen.
Aber auch die Dame war sehr froh um die Begegnung. Es machte sich doch viel besser zu viert zurückzukehren!
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Das große, luftige Turmzimmer, welches Mariclée in diesem Hause bewohnte, hatte sie gleich auf den ersten Blick merkwürdig angeheimelt. Irgendwie hatte es Stimmung, man wußte nicht warum. Von der schönen Landschaft allein, mit welcher der weitausspringende Erker gleichsam in unmittelbarem Kontakte stand, konnte sie nicht herrühren, denn die blumigen Vorhänge waren jetzt zugezogen, und doch behielt das Zimmer seinen eigentümlichen Zauber. Mariclée öffnete die Fenster und stieß die Läden zurück. In London hing die Nacht so totenstill, man fühlte nur die unbewegte, vom Ruße ewig durchsickerte Luft. Wie strömte sie hier! Wie rauschte der Nachtwind auf weiten Flügeln einher! Oder war es der Morgenwind? Man trennte sich so spät in diesem Schlosse. Selbst jetzt saßen unten noch einige beisammen, ein greller Lichtstrahl ergoß sich vom Saale aus über den Rasen und den sandigen Vorplatz und Stimmen drangen herauf. Smartness war hier das Hausgesetz; das einzige, auf das es ankam. Smartness bis zum Point d’Honneur, bis zur fixen Idee. Es war schon fast nicht mehr smart, so smart zu sein; aber für ein oder das andere Mal, von Freitag auf Montag fand Mariclée ein solches Leben unterhaltlich und wert gekannt, wenn auch nicht gelebt zu werden. — Auf ihrem Bette lagen, wie üblich, wieder eine Anzahl Bücher, und gewohnheitsmäßig versuchte sie zu lesen, streckte aber alsbald den Arm nach der zierlich umschirmten Lampe aus, um sie auszudrehen, und schlief augenblicklich ein.