„Wollen wir gehen?“ fragte er. Und Mariclée nahm ihren Umhang, der irgendwo in der Ecke des Saales lag. Er war von breiten Bändern wie ein Schäferhut gehalten und sie warf ihn über ihre schöne Achsel. Wie sie, halb ihrem Begleiter zugewandt, die Stufen hinunterging, hoben sich ihre Umrisse mit verräterischer Leichtigkeit von der hell erleuchteten Türe ab. Denn der kühne Mangel an Gewicht und Schwere, der ihr inneres Wesen kennzeichnete, lag auch in ihren Linien. Sie drangen jetzt in die stillen Alleen ein, und wovon hätten sie gesprochen, wenn nicht von Liebe. Mariclée, die sich sehr gerne über dieses Thema unterhielt, äußerte mit ihrer modulierten Stimme Dinge, die sie nie geäußert und nie gedacht und die sehr durchdacht und kundig klangen. Den Brunnen hörte man schon rauschen. Er lag in einem weiten flachen Rasenviertel, und ein hoher Strahl, den er emporsandte, fiel müßig plätschernd zurück. Das Merkwürdige daran war sein effektvolles à l’italienne, in einer offenen Balustrade mündendes Bassin, und daß man wie aus einer Waldespforte unerwartet zu ihm trat.

Aber noch unerwarteter war der Anblick, der sich ihnen hier darbot; ein zweites Paar: die Dame im schweren Atlaskleid, die sich küssen ließ. Mariclée wollte zurücktreten, aber die beiden verfolgten schon ihren Weg weiter in den Park sichtlich ohne eine Ahnung, daß man sie gesehen hatte.

„Ich bin froh,“ sagte Mariclée leise, „daß wir keine Störenfriede gewesen sind.“ Eigentlich hatte sie große Lust zu lachen. Er indessen lachte nicht, noch sprach er, und sein Gesicht schien schärfer und lebendiger geworden. Da graute ihr. Es war, als zögen sich eiserne Maschen um ihr Herz, und als senkte sich ein unsichtbares Visier über ihre umschatteten Züge. Aber zum Unglück versah sie sich der Putten nicht, die an den Eckstufen der Balustrade kauerten, glitt aus und wäre gefallen, hätte sie nicht ein starker, schnell bereiter Arm gehalten. Sie fand ihr Gleichgewicht sogleich wieder, aber statt ihr seine Stütze zu entziehen, trat er härter an sie heran und drückte sie an sich. Da, im Nu sich bäumend, wandte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein Antlitz zu, das für sich selber sprach, grau, fahl und schroff, wie eine Bergesfurche, einen Blick voll Abneigung, ja voll Haß. Und er ließ sie los, als wäre sie eine Schlange.

Aber Mariclée hatte sich schon gefaßt.

„Ein Springbrunnen ist doch wirklich nicht der geeignete Platz,“ sagte sie mit erkünsteltem Spott; „daß es uns ginge, wie den beiden vorhin, die unsere Schritte nicht hörten. Was dächte man!?“

„Was dachten wir?“ sagte er.

„Aber da war doch anzunehmen“ . . . . . sie brach schnell ab. „Ich bin die wildfremde, gestern erst Gekommene. Ist das deutsch? würde man fragen, ja schlimmer: man würde lachen.“

Sie konnte ihm doch nicht gestehen, daß sie selber es war, der solche Dinge, über die sie so schön theoretisieren konnte, in der Praxis unmöglich erschienen, weil sie durch ihr Geschick von je darum betrogen wurde und sie unwiederbringlich hinter ihr lagen, ohne daß sie sie je erfuhr.

„Wollen wir gehen?“ fragte er.

Aber Mariclée hatte jetzt Augen wie ein Luchs. Bevor sie mit ihm durch diese schwarze enge Waldespforte weiterzog, mußte sie ihm etwas Geschicktes, Trennendes zu sagen finden. Aber die rechten Worte standen ihr nicht zu Gebote.