Die Dollarprinzessinnen hatten sich indes in ein Gespräch vertieft, über das alles andere vergessen war. Die eine hatte nämlich in Bondstreet einen wundervollen Schlafrock entdeckt; und die andere wollte ihn auch. Der Preis war für die eine der Prinzessinnen (deren Vater kein Schlächter war) denn doch zu hoch, und so einigten sie sich als gute Freundinnen, daß die eine ihn kaufen wollte, die andere ihn kopieren dürfte. Um wie viel billiger als das Original die Kopie sich belaufen würde, rechneten sie nun auf Schilling und Pence mit einer Präzision und einem Eifer aus, der Mariclée überraschte und verdroß. Sie war noch immer so naiv, bei reichen Leuten eine ihrem Vermögen entsprechende Distanz ihres Zahlensinnes vorauszusetzen, ja diese Distanz recht eigentlich als ihr vornehmstes und beneidenswertes Privilegium anzuerkennen. Sie war deshalb starr über eine so kleinkrämerhafte Genauigkeit und plötzlich von einem solchen Überdruß und Ekel vor diesen gesättigten und tellerflachen Existenzen überkommen, einer Scham, in dieser profanen Bilderwerkstatt mit diesen Müßiggängern herumzustehen, daß sie das Zusammensein mit ihnen nicht mehr ertrug und ihnen ganz abrupt unter irgendeinem Vorwand ausriß.

Es war noch früh am Nachmittag. Wohin wollte sie nun? und was war stark genug, ihr eine Ablenkung zu schaffen? Zu Hause konnte sie nicht bleiben, sie mußte ihren Gedanken aus dem Weg. Wie sie da ihre Treppe emporstieg und ihr Spiegelbild ihr entgegentrat, wußte sie’s; heute oder nie würde sie die Fahrt nach Whitechapel unternehmen. Oft schon hatte sie sich ein Herz zu diesem Gange fassen wollen und es immer wieder aufgeschoben. Sie lief auf ihr Zimmer, warf sich rasch in einen dunklen, kurzen Rock und einen Mantel, nahm einen Stock und stürmte wieder davon. Mariclées sich Umziehen war sehr leicht ein sich Verkleiden; wer sie vorhin im Ritz gesehen, hätte sie kaum wiedererkannt in dem weltfremden Wesen, das mit großen, entschlossenen Schritten wie ein Seminarist einherging. Sie bestieg das Dach eines Omnibusses, fuhr erst Piccadilly und die schönen Stadtteile entlang, dann in die City und hinein in eine immer gedrängtere, einzig vom Trafik überfüllte, drückende Welt. Sie wogte, grau in grau, in den sich häufenden Gassen, wie eine im engen Bett hochtreibende Flut.

Auf einem düsteren Platze machte der Omnibus kehrt, und Mariclée mußte umsteigen. Während sie auf einen anderen wartete, verfinsterte sich der Himmel, und es fing an zu regnen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit senkte sich wie ein Nebel auf sie herab. Ein Überdruß hatte sie hierher getrieben. Aber welchen Becher hielt sie sich jetzo hin? Und alle Warnungen ihrer Freunde, ja nicht allein eine solche Gegend aufzusuchen, fielen ihr nunmehr aufs Herz. Aber die Dinge waren nun einmal da, damit man seine Schlüsse daraus zöge, und was für einen Sinn hätte das hier umzukehren? Suchte sie nicht Kontraste, mußte sie nicht eine Ablenkung haben? — Als ein hoher Wagen einherpolterte, stieg sie rasch ein, aber schon dachte sie an ihr Haus in Grosvenorstreet, wo die alte Klara für sie sorgte und sie hegte, wie an den Olymp. Es stiegen jetzt seltsame, äußerst schmutzige Leute ein, polnische Juden, schwatzende Frauen mit großen Ohrringen, ohne Hut, nicht frisiert und schmierig. Und auch die Bevölkerung schien eine ganz andere, viel dunklere geworden. Die Straße, auf die sie jetzt hinaussah, dünkte ihr der richtige Übergang zu dem Orte, zu dem sie fuhr. Sie war sehr breit, mit niederen trostlosen Häusern. Zwei Hansoms, obwohl schon alt und abgedankt, nahmen sich wie degradiert hier aus; und überall mündeten von dieser Straße aus, schwarzen Schlünden gleich, finstere Gäßchen, eng wie zwischen den Lagunen. Jetzt mußte bald die Brücke kommen, denn sie hatte sich eingebildet, Whitechapel läge von der übrigen Welt durch eine Brücke getrennt. Aber da hielt der Wagen, und da stand schon „Whitechapel“, der berüchtigte Name, in grellen Lettern an allen Ecken zu lesen. Es hatte nichts Schreckliches, es war nur schrecklich durch seine Öde; alles Heitere, alles Behagliche verwiesen. Die Häuser zogen sich in schmählicher Gleichförmigkeit wie Reihen von Sträflingen hin. Warum dieser unwürdige Stempel einer ganzen Stadt aufgedrückt? wie ehrlos war eine solche Unfreudigkeit! Welchen Sinn hatte das? Sie blickte umher, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte, und ging dann eine der finsteren Gassen hinab. Doch bevor sie noch ein Dutzend Häuser entlang gegangen war, hielt sie inne; auch ohne die Warnungen ihrer Freunde hätte sie hier gezögert und wäre umgekehrt. Das Herz schlug ihr im Halse; sie erkannte ihre Unvorsichtigkeit. Selbst von Schutzmännern schienen diese höllischen Gassen gemieden. Ein Stoß, und man verschwand auf immer in einem dieser schwarzen, hohläugigen Eingänge. Ein Weib mit einem großen Bündel im Arm hatte sie schon erspäht und trat aus einem Winkel hervor. Wie vor einem Abgrund trat sie jetzt zurück; es saßen ihr mit einem Male tausend Augen im Kopfe, und sie merkte die Gefahr. Sie lief nicht, ihre Füße waren wie Blei, sondern mit angestrengten Schritten und nur einen einzigen Gedanken im Kopf steuerte sie wieder dem Rande der breiten Straße zu, hielt sich an deren Ecke wie an einem Geländer fest und sah dann, denn hier glaubte sie sich geborgen, wieder hinab. Zwei Männer schlappten einher, so ganz in ihr elendiges Gespräch vertieft, daß sie nicht aufblickten und Mariclée sie ungestört betrachten konnte. Der eine horchte gespannt, der andere gestikulierte, unsäglich geschäftig, in einem Anzug, der viel zu lang an den Beinen, viel zu kurz an den Ärmeln war, und die Gliedmaßen der beiden, ihre Schritte, die Art, wie sie ihre Daumen, ihre Finger, ihre Lippen bewegten, wie sie lachten, ihre tierisch scharfen und zugleich verblödeten Augen, alles war infam. Mußte man nicht an einen Riß in der Gattung glauben, der solche Menschen vom Menschen schied? Indes war das Weib mit dem großen Bündel im Arm auf Mariclée zugekommen und bettelte sie an. Sie gab ihm schnell einen Penny und rückte weiter weg; allein es hielt sich an ihrer Seite. Da warf Mariclée einen Blick auf das Bündel, aus dem ein sechs bis acht Monate altes Kind zufrieden hervorsah. Dieser Anblick aber war es, vor dem sie alsbald die Flucht ergriff und wie in sinnloser Angst einem Omnibus zulief, der gerade einherfuhr. An jenen beiden Männern war etwas grotesk Harmloses im Vergleich, und lieber hätte sie noch einen ganzen Troß solch niedriger Subjekte einhergehen, wie dieses Kind einhertragen sehen. Allein das Weib mit seiner Teufelsbrut folgte ihr schnell auf den Fersen, löste mit ihrem Penny eine Fahrkarte und setzte sich neben sie, als gehörten sie zusammen. Voll Ekel zog Mariclée ihren Rock straffer um ihre Knie, aber dann fielen ihre Blicke wieder auf das entsetzliche Kind, dessen kaum ans Licht gebrachte Züge auch nicht einen Hauch von Unschuld umwehte, das sich vielmehr mit jedem Atemzuge an eine Welt der Verruchtheit und der Verbrechen festzusaugen schien. Diese rüsselhafte Nase, dieses bestialische Kinn behaupteten sich schon mit einer wüsten Sicherheit, als schmiede es ein viel festerer Ring als andere kleine Lebewesen an die Kette der Erscheinungen.

Ein Haß auf dies widerliche Stück Fleisch, ein Verlangen, die Erde davon zu säubern, edle Mütter zu rächen, sei’s nur, um wieder freier atmen zu können, erfüllte sie ganz. Wie duldeten wir die Schmach, solche Kreaturen als unseresgleichen ans Licht hervorkriechen, zeugen zu lassen? Und plötzlich von neuem gebannt, vertiefte sie sich wieder in den Anblick dieser Fleisch gewordenen Gemeinheit, in der ein ewiger Gedanke mit verwegener Deutlichkeit nach Äußerung rang; denn ein abertausendjähriger Funke hatte sich hier zu neuem Leben entzündet. Ja, an solchen Eltern hatte sein verworfenes Feuer Nahrung, seinen niedrigen Herd erzwingen müssen. Denn Blut war Alles. — Die furchtbare Verantwortung für das, was es war, lastete schwerer auf diesem Kinde als auf dem Weib, das es zur Welt gebracht, und schaudernd erfaßte da Mariclée allen Makel der Geburt. —

Das Weib indessen, für Gedankenübertragung nicht empfänglich, wollte den Ausflug an ihrer Seite noch weiter ausdehnen und verlangte wieder einen Penny. Sie aber, in der Verwirrung, der Empörung, gab dem Kondukteur ein Zeichen, der es auf der Stelle auswies, und so stieß sie es von sich.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Bald darauf läutete sie vor ihrem schönen Hause. Die Halle, die steinerne Treppe mit der Rampe aus getriebenem Eisen erstrahlten in dem weißlichen Licht der verschleierten Lüster. Klara öffnete ihr, blickte sie fürsorglich an und verschwand hinter einem Pfeiler im Labyrinth der unteren Gänge. Schweigsam hatte sie einen nichtigen Brief vom Tische genommen und stieg ihre einsame Stiege hinauf, auf der ihr nie ein anderes Wesen entgegentrat als in dem hohen Spiegel ihr eigenes Bild. In ihrem schönen Zimmer brannte die Lampe im silbern umfransten Schirm und warf seelenvolle Scheine auf die blauen Vorhänge mit der breiten Borte daran, die Mariclée so liebte. Sie waren jetzt zugezogen; im Kamin loderten Flammen, und das heiße Bad war schon bereitet. Sie las den Brief — eine Einladung nach Brighton für nächsten Sonntag — und warf ihn dann ins Feuer. Nächsten Sonntag — — da war sie nicht mehr hier. Aber etwas anderes, wichtigeres als ihre eigenen Kümmernisse und Sorgen, auch eine andere Trauer als die eigene, lag ihr für den Augenblick im Sinn. Wir deuteten schon darauf hin, daß sie eigentlich nur ein bedingtes Leben hatte und es immer irgendwie entlehnen mußte wie der Schatten sein Dasein dem Lichte. Sie glich einer Orgel, die stumm und tot an ihrem Platze steht, bis sie einer in Betrieb setzt, dann aber die weite Luft durchbraust. Und jetzt waren bei ihr mit solcher Allmacht sämtliche Register gezogen, daß sie den leitenden Sopran, die Stimme ihres Ichs, verschlangen. Sie selbst hörte sie nicht mehr heraus! Im Dunkeln liegend und wie zerschlagen, hoffte sie in dieser Nacht vergebens auf den Schlaf, um die Spannung ihres Hirns zu lösen. Mit aufgestütztem Arm und glühenden Augen starrte sie ins Leere. Sie wurde den furchtbaren Eindruck jenes Weibes nicht los, sie erlebte den Schrecken immer aufs neu, den sie erfahren hatte, als sie den scheußlichen Kopf erblickte, der so zufrieden aus dem Bündel hervorsah. Was war ihr jenes Weib, dessen Dasein sie als eine solche Erniedrigung empfand? Es bestand kein Kontakt; Welten trennten es von ihr, und sie begriff die Hartnäckigkeit nicht, mit der ihr Geist daran haften blieb. Aber Mariclée war eine sehr zentrische Natur. Die paar Ideen, die ihr im Kopfe saßen, hatten den Zug nach allem, was sich auf sie zurückführen ließ, und hoben es auf ihre Geleise; es lief nichts nebenher. Daher ihre Talentlosigkeit, ihr absoluter Stumpfsinn für so viele Dinge. Jene paar Ideen waren zu sehr ihre Leidenschaften. Sie stand und fiel mit ihnen, sie gehörten ihr so ganz! Wir sahen sie bei aller Unerfahrenheit in Dingen der Politik so unbeeinflußbar wie in Dingen der Religion. So hatte sie sich in den Kopf gesetzt, daß es für unsere Nationen an der Zeit sei, nunmehr statt der Territorien die Qualitäten ihrer Nachbarn zu erobern, da wir alle anfangen, uns selber langweilig zu werden und uns zu wiederholen.

Und sicher war es ein im Grunde sehr einwandfreies Gefühl, das sie antrieb, die Religion ins Profane zu setzen, und sie wußte genau, warum sie Rokokokirchen mit theatralischen Draperien und die weltlichen Mozartmessen so liebte. Was sie aber jetzt nicht wußte, während sie im Dunkel liegend und mit aufgestütztem Arm ins Leere starrte, das war der Grund, warum jenes Weib mit dem schauderhaften Bündel im Arm ihr Gehirn so aufwühlte und ihr jedes andere Bild verstellte. Was war hier? — welcher Konnex? und sie mühte sich vergebens, den Faden zu erhaschen. — Da mit einem Male leuchtete ihr von einem ganz anderen als dem dogmatischen, ja dem dogmatischen sogar tief entfremdeten Standpunkt die Jungfräulichkeit der Mutter des göttlichsten Menschen ein; — keineswegs als Wunder, sondern als mystische Notwendigkeit. Dies Mysterium — so absurd, sobald man es in Worte kleidete, so widerwärtig, sobald man es als Dogma ausschrie und dem rohen Glauben des ungebildeten Volkes überantwortete — weitete sich ihr da zum glitzernden Strome und erfüllte sie mit unaussprechlicher Genugtuung.

So hatte sie ihn endlich, den Kontrast, nach dem sie dürstete.

Sie war nicht länger böse auf die Dollarprinzessinnen und auf den Modemaler, die sie auf ihrer Jagd nach Sensationen einer falschen Fährte zugetrieben hatten. Denn auch der Modemaler, auch die Dollarprinzessinnen waren gemein.