Aber war jenes Weib, dem es verlangte, an Mariclées Seite Londons schöne Stadtteile zu befahren, nicht auch symbolisch für die Gärung, die sich in diesem Lande bereitete? Wer die „Liaisons Dangereuses“ liest, dem wird vor allem eines klar: der Zusammenbruch einer Gesellschaft und eines Regimes, das unmöglich noch weiter auf die Spitze getrieben werden konnte. So liegen zwischen dem Frankreich der Valois und dem der Revolution noch wahre Kontraste, zwischen der Revolution und Trianon aber nur mehr wahre Extreme. Wer aber im letzten Dezennium Englands Werdegang verfolgte, fühlt auch hier die Unausbleiblichkeit eines Umschwungs. Um in London rohen Kontakten zu begegnen, muß man sie aufsuchen, wo sie noch relegiert sind: in den Slums; und diese Slums schreien zum Himmel, es ist wahr. Viele glauben, daß sie durch die jetzt herrschende Partei vielleicht etwas gemildert, daß es aber dann gewiß mit dem Aufwand und der Pracht Londons vorbei sein wird. Schon jetzt sähen sich viele Reiche so schwer betroffen, daß sie gezwungen seien, ihre Häuser in der Stadt zu schließen. Aber wenn die Dämme, welche das sordide London von dem prunkenden scheiden, durch die neue Strömung niedergerissen und verwischt würden, wäre es in seiner Schönheit, seinem eigensten Reize gemordet. Denn das Gewaltige, das Drückende, das Süperbe an London ist die interessante Blässe seines Angesichtes, es sind die tiefen Schatten, aber dann wieder die edle, köstliche Glätte der Stirn, die göttliche Sicherheit des Blicks. Verödeten hier die Straßen und Paläste der Reichen, so stünden die Londoner Armen ihrer blauen Blume, ihrer einzigen Romantik beraubt. Schon war es auszudenken. An Dublin konnte man ja sehen, welche Physiognomie Paläste annehmen, deren Räume Schustern und Flickschneidern zu Parteiwohnungen zufielen. Es waren rein ästhetische Gründe, die eine sozialistische Strömung in diesem Lande befürchten ließen. Wieviel einzigartige, altvererbte, herrische Pracht stand hier gefährdet? aber Mariclée fühlte wohl, daß Londons drückende Aura von nichts anderem herrührte als von jenen Slums, die wie eine Schuld darauf lasten und sich wohl einmal als das Verhängnis dieser Stadt erweisen würden. Denn in keiner anderen eröffneten sich der Ungleichheit menschlicher Daseinsbedingungen untröstlichere Perspektiven.

In Griechenland sollen durch die vielen Abholzungen und durch den Suez-Kanal die klimatischen Verhältnisse eine gänzliche Änderung erfahren haben. Wälder waren schön und nützlich, Brennholz war notwendig. In der Tat; es war für das Klima von ganz Europa von größter Wichtigkeit, was sich da in diesem Wetterwinkel der Kultur vollziehen würde.

„Ich werde Samstag abreisen,“ teilte sie am nächsten Morgen der alten Klara mit und sagte hiermit, was sie wohl jetzt zwanzigmal des Tages dachte: am Samstag würde sie der Tortur ein Ende machen. Es war wieder kein Brief vom Exemplar gekommen. Dafür erkundigte sich ein belgischer Arzt, den sie kürzlich kennen gelernt hatte, ob er ihr seinen heutigen Vormittag zur Verfügung stellen dürfe. Erhielt er bis zehn Uhr keine Absage, so würde er sie abholen. Sie schickte Klara an das Telephon, um sich entschuldigen zu lassen, aber er war nicht mehr zu Hause. Mochte er immerhin kommen. Es war ja so gleichgültig. Auch aus Weimar hatte sie einen Brief: Was denn mit ihr sei? Von ihren Freunden wisse keiner etwas von ihr. War sie denn verschollen?

Ja verschollen fühlte sie sich allerdings, in ihrer Unfähigkeit, auf solche Zurufe zu erwidern. Ganz verschollen einem Lande, das sie in ein paar Tagen wiedersehen würde. Und ein Schauer lief ihr durch alle Glieder.

Es war wie in einem Märchen. Einerseits: die Wirklichkeit, die Wahrscheinlichkeit, die Tatsache der schlechten Zeitungsnachricht und ihres unbeantworteten Briefes und andererseits? — — ja andererseits ein im Karren gezogener Schimmel, ein von links erblickter Neumond und der gläserne Berg ihrer drei Träume. Es war schon sehr komisch. Da fehlte nur noch die Windmühle des Don Quichote. Mariclée fuhr erschrocken auf. „I leave on saturday“, wiederholte sie der alten Klara, die eben eingetreten war. „Yes, Madam, I am sorry, Madam“, erwiderte diese und meldete den Arzt.

Ihre Züge belebten sich nicht, als sie ihm entgegenkam. Aber er kannte sie zu wenig, um die Abneigung zu lesen, die so deutlich darin lag; denn sie war ungehalten, daß er so ohne weiteres bei ihr erschien. Sie hatte diesen beweglichen Herrn mit seinem regelmäßigen Gesicht und seinem langweiligen Bart bei sehr guten Freunden angetroffen, ihn aber ihres Wissens nicht aufgefordert, sie zu besuchen. Sie war in solchen Dingen sehr zurückhaltend, vollends in einem fremden Hause.

Welche Galerie wünschte sie zu besichtigen. „Gar keine,“ erwiderte sie. In ihr war jetzt nicht mehr die Stille, eine Statue, ein Bild, auch nur eine getriebene Phiole würdig aufzunehmen. Auch war ihr dieser da nicht der richtige Gefährte. Ach nein! Dann schon lieber unter die brüllenden Löwen, die kreischenden Kolibris, die Wildkatzen und die Flamingos. Und sie schlug ihm den zoologischen Garten vor, den sie noch nicht besichtigt hatte.

So verließen sie denn zusammen das Haus. Das Wetter änderte sich jetzt mit jedem Tage und die Luft war heute nebelig und feucht. Im Richmond Park fröstelten die Bäume und wußten nichts mehr von Sommer. Fast niemand in dem großen London war bei dieser Witterung auf den Gedanken verfallen, den traurigen Garten aufzusuchen, welcher die Tiere aller Zonen versammelte. Ein schlechter Scherz für ihren Gefährten, der sich jetzt der Patienten erinnerte, die er hätte besuchen sollen. Aber er erwies sich als ein sehr kundiger Führer und Mariclée überschüttete ihn mit Fragen. Die Eisbären waren heute munterer als die Antilopen, und die Giraffen hingen die Hälse. „Eigentlich ist es doch ein furchtbar grausames Potpourri,“ sagte Mariclée, als sie von den Schlangen hinüber zu den Papageien wandelten, die ärgerlich auf ihren Stangen saßen und mit wegwerfendem Schnabel über das schlechte Wetter schimpften. Und sie wanderten hin und her, denn Mariclée war unermüdlich. Vor dem schwarzen, desolaten Käfig eines Steinadlers aber blieb sie wie gebannt, vertiefte sich in die Wesenheit des gefangenen Tieres und in sein herrisches, glanzloses Auge. Man wußte ja nie im voraus, was sie gleichgültig lassen, was sie ergreifen würde. Und nun war sie ins Herz getroffen vom Blick dieses Vogels, der so beharrlich wegsah von den Menschen, wie ein gefangener König, der es verschmäht, seine Henker anzusehen. So starrte der Adler trüben, abgewandten Auges geradeaus; der kleine Kopf stak zwischen dem göttlich kühnen Flügelpaar und regte sich nicht. Und vor diesen grandios gezeichneten Flügeln, vor diesem trüben Auge zog sein entschwundenes Reich an ihr vorbei. Ein unendlicher Himmel, die fernen zackigen Alpen taten sich ihr auf. Bergseen, die in der Tiefe blitzten, Klüfte, Täler und Auen und darüber selig kreisend, mit der Sonne, den Wolken verwandt, diese weltbeherrschenden Schwingen, die sich nur mehr ausbreiteten, um eine schmachvolle Enge zu messen. „Es ist zu entsetzlich,“ schrie sie auf und umklammerte mit kalten Fingern die Eisenstäbe des Käfigs. Der Adler sah beharrlich nach einer anderen Seite hin und weg von den Leuten, die da zu ihm hineinsahen, der Arzt aber zog seine Uhr. Er hatte genug. Was für ein sentimentaler Tor war er gewesen, daß er sich von einem sinnlosen Interesse, einer ganz ungerechtfertigten Sympathie hinreißen ließ und seinen Vormittag opferte, seine Kranken im Stich ließ, um diesen lächerlichen Spaziergang zu unternehmen? So viel alberne Fragen hatte ihm ja sein Lebtag noch kein Frauenzimmer gestellt. Und ihr Äußeres hatte er so bestechend gefunden und sie für begabt und geistreich gehalten; sie war ja kein bißchen hübsch und zum Weinen dumm. Von nichts hatte sie einen Begriff und alles wollte sie wissen. Wie denn das sei mit den Pestbazillen und wie sie aussähen und ob man sie dann in Flaschen aufhebe und was der Unterschied sei zwischen Bazillen und Mikroben und was ansteckender sei? Und ob ein Allopath nie einen Homöopathen zu einer Konsultation hinzuzöge und warum nicht? und „nein, wirklich?“ und so in einem fort. „Ich fürchte sehr,“ sagte er, „daß meine Zeit jetzt um ist, da ich meine Sprechstunde nicht versäumen darf.“

„Aber natürlich nicht!“ rief Mariclée. „Ich habe Sie schon viel zu lange in Anspruch genommen. Es tut mir so leid.“ Und sie steuerten wieder dem Ausgang zu. Es war aber ein anderes Tor als das, durch welches sie gekommen waren. London (was man in London nicht für möglich halten möchte), London war hier wirklich zu Ende. Man sah keine Häuser mehr, nur eine Straße und von weitem im nebeligen Tag eine seltsame Kutsche, die nur sehr langsam sich näherte.

„Wir müssen links gehen,“ sagte der Arzt. „Ich bin ein schlechter Führer gewesen; hier sind wir ganz aus der Welt.“