Mariclée sah ein, daß sie ihm eine Erklärung geben mußte. „Nun ja,“ gestand sie, „ich bin abergläubisch. Wenn wir nach links gehen, fährt jener Wagen, der uns entgegenfährt, hinter uns her, und das möchte ich vermeiden.“

„Ich muß meine Sprechstunde einhalten und habe mich schon verspätet,“ erwiderte er eisig.

„Aber gewiß, natürlich!“ rief sie, „Sie dürfen keinerlei Rücksichten auf mich nehmen. Ich finde mich schon zurecht. Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten,“ sagte sie fast flehentlich.

„Dies kann nicht Ihr Ernst sein,“ versetzte er.

„Doch, doch! ich bin einmal so!“ versicherte sie.

„Aber Sie müssen nicht so sein!“ gab er ihr zurück, unfähig, seine Gereiztheit länger zu bemeistern. „Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut. Sie können nicht allein die Landstraße umherirren; ich habe aber keine Zeit mehr. Dies ist zu unvernünftig. Bitte, kommen Sie jetzt!“

Aber da kam er ganz an die Unrechte. Es war jetzt an ihr, sich über einen so unritterlichen Ton zu ärgern. Sie fand eine Dame, als die Schwächere, stets so wohl ermächtigt einem Herrn gegenüber, dem sie in keiner Weise verpflichtet war, zu tun, was ihr beliebte, daß er alsbald im Unrecht war, wenn er dies Recht in Frage stellte. Und was hatte ihr denn dieser zu befehlen? Sie hatte ihn doch nicht gerufen après tout. Was maßte er sich an?

„Adieu, Herr Doktor,“ entließ sie ihn. „Ich bedaure unendlich, aber hier kreuzen sich unsere Wege.“

Und sie machte es jetzt wie der Steinadler und sah von ihm weg. „Wie Sie wünschen,“ erwiderte er, zog den Hut und entfernte sich, gefolgt von dem Wagen, dem sie jetzt entgegen ging. Sie erreichte auch ihrerseits bald einen Platz, von dem aus ein Omnibus in die Stadt zurückfuhr. Der Umweg war nicht so schrecklich. Sie stieg auf das Dach und genoß ihr Alleinsein. London schien im Nebel ein wenig zusammenzurücken und schaute heimlicher drein. An den Straßenenden, die man sonst nicht übersah, lagerte er wie ein Ballen zusammengerollt. Und siehe da, während Mariclée auf ihrem Dach so dahin fuhr, tauchten aus dem Nebel, wie aus einer weißen Decke, wiederum zwei schwarze, reich behangene und betrottelte Pferde empor, die ihr einen gläsernen Wagen, darin ein brauner Sarg mit silbernen Beschlägen lag, entgegenzogen. Und als sie die letzte Strecke zu Fuße ging und von Oxfordstreet in Daviesstreet einbog, da, o mein Gott, noch einmal kam ein solch düsterer Wagen auf sie zu und versperrte ihr den Weg. Ein Strahl der Hoffnung, ja des Jubels durchzuckte sie. Sie eilte nach Hause, riß atemlos an der Klinge. Die alte Klara sah in ihr müdes Gesicht und fing den gespannten Blick ihrer Augen. „No letter, Madam“, berichtete sie.

Fünfundzwanzigstes Kapitel