„Aber es dunkelt,“ fügte sie hinzu, erhob sich und ging zur Türe, um das Licht aufzudrehen; ein wenig zögernd zwar, wegen ihres verstörten Gesichtes. Er kam ihr aber zuvor und nahm Abschied, bevor die verschleierten Lüster erstrahlten.

Der Freitag

Mariclée wartete, bis die Mittagsstunde vorüber war, dann ging sie aus. Sie bog wie gewöhnlich in Piccadilly ein, aber statt wie sonst an den Läden vorüberzugehen machte sie heute allerlei Einkäufe. Weder nach Cambridge noch nach Brighton, noch nach den Orten mit den normannischen Bauten, die ihr der Botschaftsrat genannt hatte, war sie gefahren; denn das Geld für „unvorhergesehene Fälle“ hatte sie nie anzurühren gewagt. Jetzt warf sie es hinaus. Es gab ja keine unvorhergesehenen Fälle für sie mehr. Sie schenkte sich ein altes Döschen, vor dem sie oft stehen geblieben war, hielt sich eine Weile bei einem Taschner auf und kaufte sich einen silbernen Spiegel. Nur von dem Blumenladen, in dem wieder große Büsche heftiger Rosen prangten, wandte sie sich ab. Warum nur die Rosen, von denen man träumte, so viel herrlicher waren als die wirklichen? Aber sie hielt sich bei diesem Gedanken nicht auf.

Er hatte ihr nicht geschrieben, und ihre Hoffnung war dahin.

Wie vernünftig sie mit einem Male geworden war! Sie faßte die Dinge ganz grob und höhnisch ins Auge, wie sie der graue Tag jetzt zeigte. Im Spiegel eines Auslagefensters, der eine Schar von Hüten zur Vervielfältigung brachte, sah sie sich von Profil und etwas in die Länge gezogen einhergehen; und jene alte Behauptung fiel ihr ein, daß an jedem Menschen eine Ähnlichkeit mit einem Tiere nachzuweisen sei. Sie, mit ihrem langen Kopfe, glich sicherlich einem Pferde und was an Dummheit in ihr lag, war richtige Pferdedummheit. Nicht wo das Tor, sondern wo die Bretterlatte stand, just da rannte sie an und wollte hindurch. So hatte sie geglaubt, von Sachlagen absehen, ein so ausgemachtes Faktum wie die Ehe des Exemplars einfach ignorieren zu können. Er selbst belehrte sie nun durch sein Schweigen, daß es unzulässig war, sich den Dingen gegenüber nicht zu verhalten.

Mariclée blieb bald vor diesem, bald vor jenem Laden stehen, lediglich weil ihr der Mut fehlte, ihre Schritte zu lenken. Wohin sollte sie sich auch wenden? Lagen ihr nicht alle Länder, alle Meeresstraßen, die weite Welt verschlossen, da keine Wege mehr zu ihm führten? Irgendwie entglitten ihr da die Zügel. Es war nicht mehr die reinliche Scheidung ihrer Gedanken, deren sie sich sonst so mächtig zeigte. Trieb ihr der eine Zorneshitze durch alle Adern, so konnte sie gleich darauf vor Bangigkeit erstarren. In wilder Unordnung, bald in Flucht geschlagen, dann wieder im Ansturm, schossen sie jetzt von einer Bahn in die entgegengesetzte und prallten jäh wieder zurück.

Auf Mariclées seltsames und nicht ganz ungefährliches Doppelleben wurde ja schon hingewiesen. Das Stürmische und Elementare ihrer Natur, von ihrer starken Gedanklichkeit getrennt, hatte jene merkwürdige stille Bucht in ihr erzeugt, in der Kommendes sich zu spiegeln vermochte, wie heranziehende Wolken in einem Teich. Es war nach ihrer Meinung nur folgerichtig, daß der Traumsinn sich in ihr entfaltet hatte. Daran konnte auch der heutige Zusammenbruch nichts ändern, daß es ihr bisher nie widerfuhr, aus der Legion von Bildern, die an ihrem schlafenden Gehirn vorüberzogen, das hohle herauszugreifen oder auf das Bedeutsame nicht zu merken. Denn dieses ließ im Vorüberziehen das unbewegte Etwas, das sie in sich hegte, wie magisch beschattet und von einem Echo umhallt, das sich noch immer als untrüglich erwies. Ja nichts anderem dankte sie wohl letzten Endes jenen seltsam saturierten Unterton, jene Fülle und Resonanz, die ihr Wesen gleichsam mit einer Oktave bereichert hatten; alles Dinge, die sich zwar der Äußerung entzogen, zu denen sie aber nichtsdestoweniger zurückgriff und die ihre Atmosphäre kreierten. Aber war sie jetzt nicht zertrümmert, jene magisch beschattete „stille Station“, und waren nicht alle Wege, die zu ihr liefen, verschüttet? Es hatte sie einmal ein junger Mann zu Tische geführt, mit dem sie übereingekommen war, daß zu glauben oder nicht zu glauben vor allem Temperamentssache sei. „Ich fühle mich zwar hin und wieder zu glauben versucht,“ sagte er, „aber es sind nur Momente und es entspricht nicht meiner Natur. Nie bin ich so sehr ich selbst“, und dabei leuchtete sein Auge fast fanatisch auf, „als indem ich mich jeder, auch der vagesten Unsterblichkeitstheorie verschließe.“ Es war jedenfalls viel leichter, sich eine elegante Maske zu bewahren, indem man den Glauben, als indem man die Skepsis in sich selbst unterdrückte. Denn nicht glauben war ein Glaube wie ein anderer!

Bei ihr war es umgekehrt. Sie hatte sich so weit eingelassen mit ihrer Glaubensseligkeit, sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß Momente absoluten Nichtglaubens, wie sie jetzt für sie gekommen waren, sie ihres Seins förmlich entwurzeln und ihr die geistige Fassung rauben mußten. Sie blickte umher und die Häuser, die Läden, die Wagen, die Passanten, der Regen, der herniederrauschte, alles Positive nahm eine unerbittliche Richtermiene an. Vor allen Dingen, die sich feststellen ließen, war sie als zu leicht befunden und konnte nicht bestehen. Die Schecks, die sie hielt, hatten am Tage der Abrechnung keine Gültigkeit; es war der Ruin. Ein wilder Überdruß brach über sie herein. Doch wie? was ging in ihr vor? So durfte sie nicht aus den Fugen geraten. Nun ja, sie hatte ihre Kalkulationen auf eine falsche Basis gestellt, aber davon erholt man sich. Sie würde den Verlust wettzumachen, ja daraus zu lernen wissen. Aber ein Entsetzen, ein tiefer Schwindel erfaßte sie. So durfte sie jetzt nicht denken. Warum gab sie den Tag verloren, bevor er zu Ende war? Warum hielt sie nicht stand? O wie unwert zeigte sie sich des Außerordentlichen, das sich heute noch ereignen konnte! Und so war denn wieder das Unwahrscheinliche, an das sie sich jetzt klammern, die in der Luft hängende und abgebrochene Stelle, auf die sie ihren Fuß setzen konnte, das morsche Seil, das sie selbst ausgeworfen, an das sie sich in letzter Stunde halten mußte, um nicht zu zerschellen.

Es war zwei Uhr. Sie ging in das Berkeleyhotel. Es war ja vollkommen gleichgültig, wo sie heute aß. Sie fuhr einige Male mit der Gabel in ihrem Teller herum, doch ohne sie zum Munde zu führen, weil sich etwas in ihrem Halse so energisch dagegen sperrte, und schob den Teller beiseite. Wenn nichts geschah, wollte sie heute abend fahren. Geschehen? — — — was sollte geschehen? Aber war er ihr nicht entgegengeeilt an jenem Unglückstage, als sie ihm das falsche Datum zu wissen gab? O hier war etwas, das sich nicht reimte. War es denkbar, daß er sie heute ohne ein Wort verloren gab? Denn daß sie dann für immer aus seinem Leben glitt, wußte er genau. Sie stützte den Ellbogen auf und starrte ins Leere. Der Kellner trat herzu, verbeugte sich diskret und nannte eine andere Platte. „Nein, nichts mehr;“ doch als er Kaffee vorschlug, nickte sie, und er stellte ein braunes Kännchen vor sie hin, das dreimal ihre kleine Tasse füllte. Sie leerte es ganz, zahlte und ging. Draußen standen viele Hansoms, auf die der Regen herniederklatschte; die paar Minuten bis zu ihrer Wohnung erschienen ihr so weit, das Gehen eine so aufreibende Qual. Sie stieg ein und war gleich darauf zu Hause.

Als sie aus dem Wagen sprang, verhing sich ihr Kleid so ungeschickt, daß ein mörderischer Riß den dünnen Stoff fast bis ans Knie zerfetzte. Obwohl es aber das bleuardoise Kleid war, auf das sie so große Stücke hielt, achtete sie kaum darauf und zog hastig die Glocke. Den Schlüssel vergaß sie jetzt fast jedes Mal. Klara, die ihren triefenden Schirm entgegennahm, hatte nichts zu vermelden, als daß ein abscheuliches Wetter sei und daß es regnete. Der Marmortisch war leer.