„Wenn möglich,“ sagte Mariclée, „möchte ich heute noch den Nachtzug nehmen.“
Klara erbot sich, beim Packen behilflich zu sein.
„Danke ein wenig später; ich werde rufen.“
Sie sah noch die Alte hinter einem Pfeiler der unteren Gänge verschwinden, dann stieg sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer. Nicht eher brach es über sie herein.
Auch war es nicht, obwohl sie laut lachte und sprach, wie wenn ein Wahnsinniger irr daherredet, der sein eigenes Lachen nicht weiß, sondern wie jemand, der noch einen Gefährten bei sich hat, den er zum besten hält und dessen groteske Figur er durchschaut.
Über ihr nasses und zerrissenes Kleid stolpernd, warf sie es ab, riß einen ärmellosen, langen Umhang vom Haken und ging im Zimmer umher.
„Sieh da!“ rief sie, „welch spaßhafte Reise! Ist sie zu Ende? sind die Koffer gepackt, oder gibt es noch etwas zu träumen?“
Und sie öffnete die Türe, als beengte sie der Raum, und ging wieder mit leichten, beschwingten Schritten die Treppe hinab und herauf, durch den weiß umhängten Saal und ins Zimmer zurück. Mit ihren bloßen Armen, den schlanken, fast überlangen, focht sie in der Luft, und immerzu summend, oder lachend, oder sich selbst apostrophierend, strich sie durch das Haus. Auf einige Stunden gehörte es ja noch ihr, die Alte würde sich nicht ungerufen zeigen, und niemand schaute ihr zu. So gewährte sie dem Sturme, der über sie her war. So beugt sich ihm der Baum und streicht sein weites Geäst, wie gefaltete Segel, wenn ihm inmitten seines aufgewirbelten Laubes die Sinne vergehen; und so gab auch sie sich ihm preis, ja wie ein von Winden gepeitschter Baum, bald sich neigend, bald hoch aufgerichtet, ließ sie sich endlich wie ein gefällter Stamm quer über ihr Bett hin stürzen.
Und dann fuhr sie wieder empor, weil es sie von neuem durch die Säle und Gänge dahintrieb. Etwas in ihr war ins Wanken geraten und sie fühlte jene Hirngespinste, die sie mit so vermessener Willkür in die reale Welt hinüber zog, mit den feinsten Fasern ihres Ichs unheilbar verstrickt. Was sie da aufgebaut hatte, war sie selbst, und aus den eingestürzten Trümmern mußte sie sich jetzt selber hervorziehen. Sie hatte sich mit dem Absurden zu weit engagiert (dies war Menschen wie Dingen gegenüber ihr Fehler), vom Absurden entlehnte sie Name und Stand; Absurditäten waren ihr Rückhalt. Sie selber war sinnlos, wenn das Absurde sie nicht länger schildete. Mit einem Wort, sie fühlte sich ihres geistigen Inhalts beraubt. Die bereichernde Oktave war nur ein gerissenes Pedal, ein dröhnender und lächerlicher Mißklang. Inmitten dieses Wirrsales suchte sie vergebens nach einem Halt. Da alles trog, fiel jetzt auch jene grundlose Zuversicht von ihr, als sei das Befinden des Exemplars, trotz der beunruhigenden Zeitungsnachricht, ganz beruhigend. Hatte es ihr nicht der Mond zugeblinzelt, und hatten es ihr nicht ihre Träume versichert? und dies und jenes? — hatten sich nicht seit jenem sorgenvollen Tage alle Dinge übler Vorbedeutung, wie auf ein geheimnisvolles Kommando hin, von ihren Blicken ferngehalten? Wohl nur, damit ihr endlich die Augen aufgingen und sie endlich die richtige Lehre zöge?
Sie hielt plötzlich inne. Und wiederum geschah es, wie wenn der Sturmwind mit einem Ruck aussetzt, als sei er in die Erde gefahren und erstickt. So schlug plötzlich eine Sorge all ihre Gedanken in Bann. Wie stand es mit ihm? . . . . Vielleicht wußten es die Leute in seinem verlassenen Stadthaus. Sie hatte niemals angefragt, weil eine begreifliche Scheu sie zurückhielt, aber auch weil sie es besser zu wissen vermeinte. Nun wählte sie rationellere Mittel, um sich zu erkundigen. Denn sie wollte Gewißheit.