Fast alle Zeitungen arbeiteten damals Tag und Nacht an der Herstellung vergifteter Pfeile in Form von Lügen und Verleumdungen und sandten sie mit fieberhafter Eile nach allen Richtungen aus. In Millionen von Aushängebogen wurden „die Feinde“ täglich neu als eine schlechtere Abart von Menschen dahingestellt.
Männer mit neun Gymnasialklassen und vier Universitätsjahren hinter sich, zur Unabhängigkeit des Denkens systematisch geschulte Männer waren es, welche solche Märchen verkündeten und kolportierten; es ist demnach anzunehmen, dass sie sie auch glaubten. Welche Gelegenheit für die Frauen zu beweisen, dass sie einsichtiger und besser seien, und wie gründlich wurde sie verscherzt!
„Anderthalb Jahrtausende, schreibt Latzko aber, haben an dem Bild der christlichen Frau gemodelt; jedes Jahrhundert hatte das Antlitz mit neuen Zügen vertieft, veredelt, verfeinert“ . . . sehr wahr und sehr schön. Aber der Verfasser des Aufrufs ist ein Dichter und hat als solcher Illusionen über die Menschheit.
Die Norm der Frauen taugt nicht viel mehr und nicht viel weniger als die Norm der Männer. Warum auch? Stammen sie nicht ebensowohl auch von ihren Vätern wie die Söhne auch von ihren Müttern ab? Wer war es nur, der einmal behauptete (ich glaube, ich bin es selbst gewesen!), dass wenn die Männer so leicht bei der Hand seien, um zwischen den Frauen und einer gewissen Abart schnatternder Vögel Vergleiche anzustellen, es ebensosehr das Wesentliche trifft, wenn zwischen den Männern und einem gewissen langohrigen Haustier eine Analogie gefunden wurde. Ich vermute, auf die erstere verfiel zuerst ein Mann, auf die letztere eine Frau. In Wahrheit sind beide Analogien sehr glücklich.
Latzko zitiert erbitterten Gemütes eine dumme Person, welche ihren zurückgekehrten Gatten mit unglaublich gefühlsrohen Fragen anwidert. Aber jener selbe Mann, oder jedenfalls sehr viele andere Männer waren ja zu Anfang vor Kriegsbegeisterung ganz ausser sich und hatten sich das Entsetzen und die Tränen ihrer Gattinnen ungeduldig verbeten. Ihrer Angst und Sorge überlassen, waren diese einzig auf ihre neu eingetrichterte Mentalität gestellt, die in der Tat in diesem Falle nichts anderes sein konnte als eine ungeheure Verdrängung mit all ihren Folgeerscheinungen. O der Fahnen, o der Siege, an denen die Armen sich so geschwätzig weideten, o der entsetzlich vielen Worte, mit denen sie ihre Bangigkeit zu betäuben suchten — den ganzen Tag — und als einzige Ablenkung für ihre tägliche Ungewissheit hatten sie dabei nur die täglichen Schauergeschichten der Zeitungen, diese Musterbilder der Roheit.
Also angeleitet und bei dem Gedanken an die Grausamkeit des Feindes und dem Schicksal ihrer Männer erstarrten und verrohten die Gemüter der Frauen. Heute ruft man ihnen zu: „Ach! seid wie früher! Gut und tränenreich! „Lüge, alles Lüge.“ Es ist nicht wahr! die Menschen zerfallen überall in gute, mittelmässige und schlechte! die Welt ist überall gleich!“
Ja, aber warum hätten die seit Jahrtausenden zur Unselbständigkeit des Denkens systematisch angehaltenen armen Dinger glauben sollen, dass Ihr sie belogt? Dass die Männer, zu welchen sie aufblicken sollten, Lügner waren, die noch dazu wussten, dass sie logen, oder nicht einmal wussten, dass sie logen?
„Lüge, alles Lüge?“ ja, aber wer hat denn gelogen? Und ist es an dem Lügner den Belogenen abzukanzeln? Nein ihr Herren! Wenn die Frauen versagten, so habt Ihr an ihnen die Saaten eurer Lügen geerntet. Wenn Latzko den Frauen zuruft: „Ich weiss, Ihr seid nicht alle so. Vielleicht sind Viele, ich glaube die meisten von Euch sind anders. Aber, wo seid ihr? Man hört Euch nicht!“ . . . so könnten sie ihm erwidern: „Wir sind da. Wo seid Ihr, dass Ihr uns nicht vernehmt, wenn wir unsere Stimme erheben? Aber wir sind noch ohnmächtiger wie ihr!“
Wer hat vielen von ihnen die Pässe verweigert, als sie in Holland tagen wollten, lang bevor Ihr an Stockholm dachtet. Wer hat vor diesem Kriege gewarnt, ein Lebensalter hindurch nichts anderes getan und wurde dafür von den Männern verhöhnt und zur lächerlichen Figur gestempelt? Wer hat die „dicke Berta“ der „Friedensberta“ vorgezogen, wenn nicht die allmächtigen Männer?
Denn das grosse Verbrechen der Menschheit, das ihr durch diesen Krieg ein Denkmal ewiger Schande setzte, bestand schon vorher. Gedankenlosigkeit, Trägheit des Geistes wie des Herzens, Sünde wider den Geist hat uns in den Abgrund gestürzt.