Menschen (würdig des Namens!), ob Männer oder Frauen, verbündet Euch! Schliesst Euch zusammen, und knechtet den geistigen Mob. Er ist es, der zur Herrschaft gelangte und sich triumphierend behauptet. Setzt ihn ab. Er ist der Feind. Erkenntnis ist Güte. Der Verfasser des Aufrufes gehört, seinem Werk wie seiner Gesinnung nach, zur auserwählten Klasse derer, welche den Kampf um die Vorherrschaft „bis zum siegreichen Ende“ führen müssen. So wenig zahlreich sie sind, wären sie, durch die ganze Welt hindurch geeinigt, mächtig genug, um ihr Tribunal zu eröffnen, das die Schlechten unterjochen würde und alle Mittelmässigen wie alle Esel und alle Gänse an den richtigen Platz verwiese. Gelingt es den Auserwählten nicht, durch alle Länder und über alle Grenzpfähle hin ihre Macht durch ihre Einigung zu sichern, so wird der Friede ohnmächtig und mit leeren Händen vorüberziehen.
Letzte Folgerungen.
Nicht die so brennenden und viel erörterten Probleme der Rassen und der grossen Interessen, nicht Sieg oder Niederlage, selbst die fernerliegenden oder die unmittelbaren Ursachen des Krieges nicht, sondern was er bedeutet, das ist’s, was heute die Aufmerksamkeit der Nachdenklichen in immer steigendem Masse beschäftigt. Immer deutlicher geht für sie aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges, seiner Einsätze und seiner Schlagworte — der Triumph des Sklaven über den Freien hervor, und immer drohender die Forderung, dass dieser Triumph uns nicht nur eine Lehre und eine Warnung sei (denn dies genügt schon lange nicht mehr!), sondern dass wir uns selbst aus der gemachten Erfahrung jenes letzte Gericht erstehen lassen, von dem geschrieben steht, dass es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind — und den anderen — entscheidet, ja! nicht die grosse Einigung, den grossen Bruch gilt es, als Lohn für alle die Opfer zu erzielen. Es muss die unlösliche, herrische und heilige Allianz der menschenwürdigen Menschen zustande kommen, um jene „Untermenschen“, welche schon Villiers de l’Isle Adam mit so grossem Nachdruck beim Namen nannte, an die rechte Stelle zu weisen.
Nicht nur Europa, die Menschheit selbst steht heute vor ihrem gefährlichsten Wendepunkt. Ihr Niedergang ist unaufhaltsam, wenn jenen untergeordneten, allzu lange geduldeten Elementen, dasselbe Stimmrecht wie bisher verbleibt. Denn ihnen danken wir es, dass noch alle grossen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarteten, und dass eine Sache um so sicherer verdarb, je edler sie war. Das Christentum selbst ist unter die Räder geraten, weil Unzulänglichkeit, und weil Niedertracht das grosse Wort zu führen in der Lage sind. Die Welt hat nichts zu hoffen, solange diese Gattung ihr Herrenrecht behält. Solange nicht ein neuer Korpgeist entsteht, wird die Menschheit wie ein Kranker sein, der sein Übel zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder, hoch aufgerichtet, nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. — So wird sie alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken eintauscht — oder umgekehrt —, es werden doch nur falsche Monarchien und falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Missbrauch der Macht.
Es gibt ja Leute, ich weiss, welche ganz ehrlich der Meinung sind, dieser Krieg sollte von Rechts wegen noch recht lange dauern. Die moralischen Ansichten, die sich dabei geltend machen, sind auch nur deshalb so heillos falsch, weil dieser Krieg eine auf Zurückentwicklung gerichtete Zuchtwahl ist und jede Schlacht die Zahl der Tauglichen herabsetzt zugunsten der Untauglichen wie der Schuldigen und der Profiteure. Letztere sind ja so fest entschlossen, dem Abgrund zu entrinnen, den sie offen halten oder bereiteten, dass ihre Spitzfindigkeit auch die strengste Kontrolle überlisten wird. Nichts scheuen ja diese Leute so sehr wie das Ende des Krieges, da sie wissen, dass seine Verlängerung sehr wohl mit ihrer Gnadenfrist zusammenfallen dürfte, und dass die Untersuchung gegen die Verantwortlichen so lange unterbleiben wird, als das Gemetzel der Unschuldigen anhält. Ach! Dies sollten jene Moralisten wohl bedenken, welche diesen Krieg bis ans letzte Ende geführt sehen möchten, auf dass er seinen endgültigen Garaus fände. Ach, was glauben sie denn? Glauben sie wirklich an einen Rückfall in diesen Zustand? Glauben sie allen Ernstes, dass nach einer solchen Erfahrung die Völker sich noch einmal narren liessen? Haben sie so wenig die Geschichte der menschlichen Irrtümer ergründet, und erkannten sie noch nicht, dass ihr normaler Verlauf (wie die Ärzte sagen) dem der Epidemien gleichkommt und darin besteht, dass ihre Keime anfänglich unter trügerischen Symptomen um sich greifen, um toll und mörderisch auszubrechen und endlich zu ersticken, indem sie triumphieren.
So erreichten die Religionskriege ihren Paroxysmus und verschwanden.
So ist durch die eklatante Torheit und Schmach dieses rückständigen Krieges die Rechnung der Kriege, wenigstens für die europäischen Völker, gemacht. Ich fürchte von der Zukunft kein Dementi für diese Behauptung. Nein! Die Welt fällt nicht zweimal in dieselben Irrtümer zurück. Aber wehe den Neuen! Wenn die rohen und bösartigen Elemente in diesen Tagen ihre Betriebsamkeit unendlich erhöhten und sich überall unendlich bösartiger und roher erwiesen, so sind dafür die Guten überall unendlich besser geworden. Ihre Einigung und infolgedessen ihre Machtstellung durch alle Länder hin hat der Welt noch immer gefehlt. Es gilt, ihre Reihen zu schliessen und ihre Solidarität zu organisieren im Hinblick einer letzten und unerbittlichen Fehde; — und es gilt den Frieden, weil der Kampf um die wahre Vorherrschaft nicht entbrennen kann, solange dieser Krieg noch besteht.
Und die Freiheit?
Wie aber könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen der menschlichen Gesellschaft, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten Schichten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade — weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich bisher aufoktroyieren liess. Hierarchien sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind. Geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und der Herren, ja der ganze Tross der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!) und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch sie. In allen „Kreisen“ aber und durch alle Zeiten hin wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zu wahrer Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedrig gesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht geniessen.
Echte Demokratien sind die Notwendigkeit: sie sind aber nur insofern nicht illusorisch, als sie aristokratisch sind. Man rede also für die Zukunft nicht von Utopien, sondern von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten.