„Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.“

„Je songe à une guerre de droit
ou de force, de logique bien imprévue.
C’est aussi simple qu’une
phrase musicale.“

(Rimbaud.)

Jedes Innehalten ist heute vermehrte Unrast. Wir sind halbwegs Gebliebene, sofern wir Zeit unseres Lebens stillestehen. So ist es über uns verhängt, weil unsere Existenz mit so gewaltigen Umwälzungen zusammenfällt, dass Fragen, die gestern noch in ihren Anfängen steckten, plötzlich zu überhitzter Reife ans Licht gerissen wurden. Es sind aber Fragen, Erkenntnisse und Entdeckungen so schwieriger Natur, dass der einzelne, wie stark er immer sei, niemals imstande sein könnte, ihre Geltung durchzusetzen. Sie wäre nur möglich durch das kollektive Wirken ganz bestimmter, durch Erfahrungen aufmerksam gewordener Menschen, welche das Schicksal zusammenführte, damit sie die Tabelle ihrer Erlebnisse vergleichen. So bedurfte es der Konstellation einer Konstellation, um der Sinnfälligkeit einer Wahrheit so vorzuarbeiten, dass sie wie ein von jeher dagewesenes, aber noch nie vorher gesichtetes Sternbild zu voller Deutlichkeit gelangt.

Aber noch schwebt sie nicht über uns, diese heute schon nicht mehr wegzudenkende Wahrheit, sondern sie harrt noch unerlöst am Wegesrand, so alt sie ist. Von Natur aus gerät ja keiner auf sie, Erfahrung allein kann den Menschen darauf bringen, und noch immer stürzte er, ohne sie zu erkennen, über sie hin. Weil aber der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie ein Gesicht erhalten soll und Augen, uns anzustarren, ergab sich eben jener Komplex von Erfahrungen, mit dem sich das grosse 2 × 2 = 5 dieser Welt so gründlich vornehmen lässt wie eine Haussuchung mit Hilfe richtiger Schlüssel.

Dass sich jene weit verstreuten paar Menschen mit den analogen Wahrnehmungen, den analogen Erlebnissen und der analogen Geistesart eines Tages begegneten, gehört zu den grossen sogenannten Zufällen des Lebens. Auf jeden Fall obliegt es ihnen, die Dinge, um welche es heute geht, in allen Tonarten und den weitausgreifendsten Steigerungen zu formulieren.

Erkenntnismässig ist ja ihr Weg vollkommen deutlich ausgestreckt, und schon sind alle Hochgefühle irgendwie von der Bewältigung seiner Fährnisse abhängig. — O Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! wie bezeichnend ist es, dass euer göttlicher Impuls euch nicht davor bewahren konnte, zum Kompendium aller Irrtümer zu werden! Die Menschen sind nicht gleich. Ihre schief aufgerichtete Gleichheit wird vornüber stürzen, mit ihrer Brüderlichkeit wird es so eine Sache sein wie bisher, und die auf krummer Axe gehobene Welt läuft Gefahr, endgültig ihren falschen Dreh zu nehmen, wenn nicht alle Anstrengungen geschehen, die missverstandene Brüderlichkeit und die misshandelte Freiheit nach einer anderen Himmelsrichtung und unter veränderten Gesichtspunkten neu aufzurichten. Wie aus einer brennenden Stadt müssen wir heute diese Begriffe retten und aus dem zerfallenen Tor unserer Zeit mit ihnen fliehen. Wer die menschliche Gesellschaft in allen ihren Schichten kennen lernte, hat keine Illusionen mehr. Dass es einen Plebs im Adel gibt, macht den Pöbel um nichts schöner! Tausendfältige Ungleichheit ist eben das Prinzip, auf dem die Menschheit wie auf Sprossen anhebt. Ein Feststellen, ein Unterordnen der wahren, bis in die tiefsten Ursprünge zurückzuleitenden Ungleichheiten könnte allein die wahre Gleichheit zu ihrem Rechte bringen und nur in Wahrung der (ach so vorhandenen!) Distanzen könnte die Brüderlichkeit unverletzt aufleben. Hier liegt das Problem der künftigen Jahrzehnte, Jahrhunderte. Es ist der Sinn der Leiter, von welcher Jakob träumte, und wir leben heute wirklich nur noch um der Erläuterungen willen, welche diese Dinge verlangen.

Wiederholungen.

So hätten wir heute alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgend ein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, dass sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen sich zwischen ihm und der Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.

Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer so vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten Schule erginge, um auf Bildern oder Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch die Wirklichkeit zu illustrieren und zu illuminieren; allen Brücken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Dass es keine intellektuelle Notwehr, dagegen einen hemmungslosen Mangel an Logik gibt, und dass wir lieber untergehen, als dass wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle Grenzen hin in die Hände arbeiten? Dass sie dabei sehr ausdrücklich in Freunde und Feinde zerfallen, macht ihren stummen Pakt nur um so fester. Wir anderen aber, welche den entsetzlichen Humbug dieser „Feindschaft“ durchschauen, auf uns, die ihn gewähren lassen, auf uns fällt der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die Schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unsern Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten liessen! Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird für unser Zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges, die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reissen. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche dem Drachentöter die Sprache der Vögel verstehen liess, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers genoss.