Und dieser Vergleich, wenn er sich nicht vollkommen deckt, mag immerhin dazu dienen, den Fall näher zu beleuchten: So wie die grosse Tragödin ihre eigne Individualität auf der Bühne in tausend Nuancen schillern und erklingen lässt, mithin nicht die eigentlichen Heldencharaktere, wie sie unsre grossen Geister schufen, zur Gestaltung bringt, sondern auf dem nächsten, oft sogar dem nächstbesten Wege ihre ganz persönliche Empfindungsweise, ihre moderne Seele zur Mitteilung bringt, so verlässt auch der Pianist auf dem klassischsten aller Instrumente das ursprüngliche Gebiet, und nicht so sehr musikalische Werke, als seine eigne Person führt er uns vor, um sie unsrer Aufmerksamkeit aufzudrängen. Die moderne Klavierlitteratur ist nicht anders als im engsten Bündniss mit jenem Irrtum entstanden, den Virtuosen als Alleinherrscher vor seinem dadurch fraglich gewordenen Instrument hinzustellen, und beide hiemit zu vernichten.
Denn wie thatsächlich das schönste Klavier unter den Jonglerien und der schaudervollen Gewandtheit eines Virtuosen zur unmusikalischen Plage wird, so denkt man auch heute unwillkürlich bei dem Worte »Musiker« an einen Geiger, Cellisten oder Sänger und nicht sobald an den Pianisten, der mitsamt seinem Instrument und seiner pompösen Spezial-Litteratur aus diesem Bunde ausgetreten zu sein scheint, seitdem er sich auf dem kolossalen Irrtum einschiffte, ein eignes, selbständiges Gebiet — die künstlich angelegte Klaviersee, zu befahren wähnte, und nun auf einer Sandbank festgesessen liegt, von der er nicht sobald wieder flott fährt, es sei denn, dass ihn die Musiker selbst wieder zu Ehren bringen und aus dem unförmlichen, verunglückten Dampfer wieder jenes ideale Schifflein bauen, als welches es einst an einem mächtigen Baue festgeankert lag, und mit ihm und durch ihn das unendliche Meer der Töne zu befahren, die Fähigkeit erhielt. In diese seine ursprüngliche so edle und produktive Abhängigkeit sollten wir es zurückführen, da es in »Demut« so viel erreicht. Nur so könnte es seine alte Würde wieder erhalten, und in uns die alte Freude und die alte Begeisterung wieder erwecken.
EPILOG.
Was auch kommen mag auf dieser Welt, immer gestaltet sich eine Zeit neu und ungeahnt. Unsre Erde trägt keine Propheten, und nur durch ihre Unergründlichkeit sind die Orakel so wahr. Wer erträumte wohl je das nächste Geschlecht? Woran keiner dachte, das geschieht, wo der Fluss am ruhigsten floss, dort tritt er über.
Tausende von Jahren belehren uns nicht über ein einziges, das sich noch nicht entrollte, unzählige von Schicksalen lassen unser eigenes stets neu. Die Notwendigkeit schafft mit ihren blinden Augen zu Tage, andre Mächte fordern wieder, was ihr trotzt, und so liegt die Welt unausgefochten im Kampf.
Oft schon, glaube ich, wurde als das grösste Unheil des Christentums das Pharisäertum erwiesen, jene unheilvolle Macht, die von Grund auf, anscheinend auf alle Zeiten, den Charakter verunstaltete, den das neue Zeitalter erhielt. Wie unendlich viel, und wie unendlich wenig das Dogma verrät, diese These wurde nie aufgestellt, die Pharisäer umstanden das neue, wie das alte Testament; und so wurde es uns verdunkelt bis zur Unkenntlichkeit und entfremdet.
Jenes Unwesen selbst, verlor aber im Laufe der Zeit alle Macht; und da es tief in der Erde sitzt und in den Menschen wohnt, sann es auf eine neue Stätte. Wo aber fand es den Boden, den es nun zu sterilisieren, das Ding, das uns nun zu entfremden galt? Wo anders, als da, wo das Gute hingeflüchtet war, unangetastet, köstlich und steil, hoch über unsren Häuptern, und doch verborgen. Mit schlauem Zerstörungssinn erblühte es da inmitten der Kunst!
Gut meinende Seelen, die aber vom Schweigen des Pythagoras nichts ahnten, hatten selbst dem verderblichen Heere die schmale Bresche verraten und wurden die ersten Pfähle auf jenem schrecklichem »chemin battu«, den jetzt die Mode so verwegen und unbefangen betritt.
Hier müssen wir einen Augenblick zurückgreifen. Bekanntlich war es Grillparzer, der Beethoven’s Grabrede hielt; nun wurden ihm kurzsichtigerweise und nach Wagner’s Erscheinen folgende Worte daraus noch nachträglich verwiesen:
»Beethoven’s Nachfolger«, schloss der unmusikalische Dichter, wird von vorn anheben müssen, denn er selbst hat geendet, wo die Kunst endet.« Und dabei ahnte Grillparzer wohl gar nicht, wie wahr er sprach!