Der Concierge würde den Leuchter kaum vermissen, den ich unter vielen andern aus seiner Loge fortnahm, keinesfalls aber auf mich geraten und die Meinen hatten keine Ahnung wohin ich gegangen war, denn als ich von Hause fortging war ich allein gewesen. — So war zwar meine Rettung lange noch möglich, noch grösser aber die Gefahr, dass ich hier verschlossen und vergessen bliebe.
Meine Wanderungen nach der Hausthüre begannen von neuem. Griffe ich sie, so wollte ich dort stehen und rufen. Allein ich fand sie nicht!
Es liess sich keine Thüre von der andern erkennen, kein Zimmer, keine Kammer. Einige waren versperrt. Wie in einer Falle irrte ich blind umher und wurde immer unfähiger, mich zu orientieren; denn von den Räumlichkeiten hatte ich die Verhältnisse nicht entnommen, und der Ausgangspunkt war mir längs verloren.
So musste ich mich meinem Schicksal ergeben. Die Zeit verging, und wie rings um mich, so war es jetzt auch in meinem Herzen Nacht. Aber statt der Verzweiflung kamen mir da plötzlich Gedanken: Was für einen Sinn hätte denn ein solcher Abschluss? Welche Deutung konnte ich meinem Tode abgewinnen?
In meinem Leben konnte ich nichts entdecken, aber dies Leben selbst erschien mir da merkwürdigerweise wie ein arger Schuldbrief, und ich werde wohl nie mehr so tief und ruhig zu denken vermögen, wie in jenem so hoch über der Erde gelegenem Grab!
Wie spät es geworden sein mochte ahnte ich nicht. Immer wieder begannen meine finsteren Wanderungen, mein Tasten nach Thüren und mein Rufen. Meine eigne Stimme versetzte mich in solche Angst, dass es wie wahnsinnig in meinen Schläfen pochte. Den Hunger sah ich schon als meinen Gefährten, und heiss und blutig drang mir’s nun ins Gehirn. — Und wie betäubt stiess ich zuletzt gegen eine scharfe Kante und empfand etwas Kaltes unter meinen Händen.
Daraus schloss ich, dass ich mich wieder in einem Zimmer befand, denn dies fühlte sich wie ein marmorner Tisch. Ich fasste ihn mit der andern Hand: da durchzuckte mich jäh eine wilde, triumphierende Lebensfreude. Was da meine suchenden Finger ergriffen hatten, war — eine Zündholzschachtel!
Zitternd fachte ich eines an und starrte jetzt auf ein gespenstiges Wesen, das mit hohlen Augen unvergesslich auf mich blickte.
Allein bevor die Angst noch ihre Klammern auf mich legen konnte, gewahrte ich den hohen Spiegel, vor dem ich stand, woran die schmale Marmorplatte angebracht war, an die ich stiess. Lange Kerzen stacken da in Kandelabern, und mechanisch zündete ich sie an; von meinem eignen Bilde keinen Blick verwendend, denn wie von einem Drama war ich hier gefesselt.
Das Entsetzen auf meiner Stirne, die trostlose Ergebenheit meiner Züge, die Todesahnung war auf meinem Gesichte geblieben. Obwohl ich mich gerettet wusste, immer starrte ich noch wie eine Verlorene.