Plötzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewußtsein gänzlich entfallen, war ich mir plötzlich meiner selbst aufs heftigste bewußt! —
Keine Paläste mit unschätzbaren Tapisserien und alten Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! Über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am schönsten blühte, nach London, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fuß. — „Kein Ersatz,“ dachte ich, „ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhaßter, tödlicher Entsagung von sich schleudern!“
Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die Säule von Vendôme, aber nicht länger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.
„Ich begreife Sie nicht,“ sagte der Pariser Freund, „ist es denn möglich, daß Ihnen solche Leute imponieren!“
„Ich nehme sie ja nicht persönlich,“ sagte ich. „Aber die Ermöglichung einer sehr raffinierten Existenz imponiert mir allerdings: I believe in surroundings! Wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeinträchtigen können. Und weil sich um die gewöhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu schön geworden!“
„Was wollen Sie damit sagen?“
Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kanonen umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.
Nach dem Gewoge der Straßen schienen die Tuilerien so weit und still. Schweigend gingen wir eine Zeitlang weiter.
„Und morgen geht’s dahin!“ seufzte ich. „München wird Ihnen jetzt zu still erscheinen?“
„Nicht das Zurückkehren, das Nichtfortkönnen von einem Ort fällt uns heute so schwer.“ Und im stillen durchbebte mich schon im voraus die Sehnsucht, die mich in der Ferne ergreifen würde, an den Ort zurückzukehren, an dem ich jetzt stand. Alles lag in jenen entzückend feinen, mattsilbernen Tönen der zärtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen Bäumen ihre Düsterkeit benimmt. In hoher kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.