Ich habe jedoch schon öfters erfahren, daß persönliche Momente für unsere Abneigung oder unsere Vorliebe für einen Ort, keine oder nur eine relative Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrücke großer Städte verdichten sich zu einem gewiß anthropomorphistischen Bilde, wie es uns in der Karikatur etwa die Münchner Bavaria entgegenhält. Eine Stadt oder eine Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhängen, stelle ich mir deshalb als ein höchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders öder und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dämon eines Ortes ist viel zu stark für die einzelne Psyche!
Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen, und während die Schärfe ihrer intellektuellen „Aura“ mich hinriß, immer noch der Meinung war, daß sie mich abstieß? — Seit einer Woche ganz von ihr eingenommen, und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen, und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit einer anderen in Kollision geriet, um dann, wenn auch nur für einen Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen Schublade, die Schlußseiten eines literarischen Produktes hervor (mit dessen Umarbeitung ich vor meiner Abreise fertig werden mußte), korrigierte, glättete und feilte daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu besinnen.
So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen. Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.
Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welch nationalster Anteilnahme ich es betrachtete!
Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee unrichtig taxiert, sei es nun, überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen Berlinern aber, die mir ungewohnter, in mancher Hinsicht vielleicht auch fremder waren, als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in Vergessenheit geriet.
Allein derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen suspendierte, stürzte mich zuletzt, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.
Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.
VII.
Rufford Abbey.
Ich hatte für den August 1899 eine Einladung nach Rufford Abbey erhalten.
Rufford Abbey in Nottinghamshire ist einer der ältesten Herrensitze in England. Eigentum der Zisterzienser bis zu Heinrich VIII., der ihn einem Earl von Shrewsbury verlieh, blieb er inmitten höchst wechselvoller Schicksale ein bevorzugter Aufenthalt der Könige von England, besonders Karls II. Auch heute noch wird jener traditionelle Verkehr durch Eduard VII. besonders lebhaft rege gehalten.