Hatten schon die Berichte von Ruffords Ländereien und historischen Schätzen, vom langen Saale, mit seinen elf nach Westen sehenden Fenstern, der Halle mit der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt usw, meine Erwartungen sehr hoch gestimmt, so vollends die Geistergeschichten, die über dieses Schloß im Umlauf sind. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte mich mit gespannter, aber durchaus heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen — zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann — wie von etwas „Wirklichem“ Kunde erhält.

Schlaflos war ich die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Fast lautlos fuhr jetzt der Zug die trauernde Ebene dahin. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die weite Erdfläche erfüllte, wollte endlich auch mein Bewußtsein ruhen und versinken.

Aber kaum eine Minute lang!

Denn als ich erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief meine erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in mir wach, das unvergeßlich, ich wußte es wohl! zwischen mir und der Außenwelt in jenem Augenblick entstanden war.

Aber welcher Unhold hatte mich da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und ich sah in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: — zwei langgedrehte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf mich gerichtet! Als ich aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, zerfetzte sich ihr Angesicht vor meinen Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte ich die Hand aus um den furchtbaren Anblick von mir abzuwehren. —

Ein herrlicher Tag strahlte über das blaue Meer und Englands teure Küste.

Wer ahnt es heute nicht, in unseren so stark differenzierten Ländern, jenes wachsende, peinvoll sehnsüchtige Bewußtsein unendlichen Einsseins verwandter Rassen? — Von meinem Zuge aus sah ich Englands berückendes, in seiner Fülle so gedämpftes Licht, und mit halb verträumten, halb beglückten Augen starrte ich in diese auf den ersten Blick so schlichte, in ihrem Reiz so mächtige Natur. Denn London hatte eine Lebensfreude in mir hervorgerufen, wie ich sie noch nie empfunden!

Aber noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter, und von Ollerton aus in einem flügelleichten Wagen durch herrliche umzäunte Wälder schnell dahin. Es ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz über Boden und Gezweig. Unter dem hohen Farren huschte und raschelte es, und ein winziger Hase, vor Schreck gelähmt, hockte mitten am Weg. Ich lachte über diesen Anblick auf. Meine lautlose Fahrt, das herrliche Gespann, der lebenflutende Wald ließen nur freudige Eindrücke zu. Zuletzt flogen die Pferde eine weite Allee im hellen Abendlicht entlang, und in einer Mulde, von einem weiten Waldesring umschlossen, und keinem unbefugten Auge sichtbar, lag Rufford Abbey ein riesengroßer, schweigsamer und strenger Bau; — hinter einer breiten kurzen Brücke trat zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents hervor, dann unter steinernen wappentragenden Löwen der offene Eingang in der gedämpften gemütlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wände. An Rüstungen und Waffen, an der Minnesängergalerie vorbei, eilte ich in den Rittersaal. Meine Stimmung war so hoch, daß ich nicht wider sie an konnte: in einem solchen Rahmen lang entbehrte Freunde wieder zu begrüßen, war ein Erlebnis.

Zufällig wurde noch am selben Abend bei Tisch von den Gespenstern Ruffords gesprochen, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer gewöhnlich vermieden wird. Aber ich war hierin, wie überhaupt in allem, noch sehr wenig eingeweiht und erfuhr also auf mein neugieriges Fragen hin, daß es über Ruffords Geschichte viele, zum Teil von den Besitzern selbst verfaßte Bücher und Urkunden gab, die samt und sonders unter Ruffords Kriegsdaten, Erbschaftsprozessen und Mordtaten, — meist in demselben trocknen sachlichen Tone, — auch Ruffords Gespenster zur Erwähnung brachte. Dies rief nun unverzüglich meine eigenen Erinnerungen wieder wach. Mir hätten „rief ich“, diese Geister wohl ganz besondere Ehren zugedacht, da mir ja einer schon bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte ich das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage, und das Gesicht, das ich am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in meiner Erzählung inne, als ich die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um mich her bemerkte.