Ich wohnte im ersten Stockwerk nach Osten. Ein breiter Korridor trennte mich von den westlichen, sogenannten Stuartzimmern. Nach Norden hin lag wieder eine Flucht wahrhaft königlicher, zurzeit leerstehender Gemächer.
Ach die Pracht der Möbel, der Gobelins und Kamine war es nicht allein! In Nationalmuseen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stücke. Aber überall das Zusammentönen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche und Seidenvorhänge, und überall an den Säulen und Himmelbetten, und an den Angeln der schlanken Fachkästen und Stühle das kunstvoll so rein und naiv gewundene oder skulptierte Holz! Wo an den niederen Wänden der Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder köstliche Schreine eingelassen sind, ziehen sich durch jene Zimmer hindurch früh mittelalterliche Gobelins: lange Prozessionen schreiten da einher, Könige, Bischöfe und Heilige, edle Jungfrauen blicken rührend und ernst, und hinter dem Stuartbett, heute wie damals, eine geheimnisvoll schöne, eine große, weinende Gestalt!
Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit einem der Gäste, der mich als Führer auf meinem Rundgang begleitete. Aber fast hatten wir einander vergessen. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit.
Und nun betraten wir die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaus, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei. Von da aus führt ein langer, schmaler Gang zu den jetzigen Privatgemächern Ruffords, die ziemlich entfernt über der Kapelle und dem ehemaligen Refektorium liegen. „Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,“ sagte jetzt mein Führer und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier in verschiedenen Windungen und Stufen, und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Wir traten ein. Zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes, schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Zu genau war mir schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt! —
Indes erfüllte es mich mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes mich nicht ängstigte, um so mehr, als die Inhaber der Stuartzimmer sich über die fiebernden und schlaflosen Nächte, die sie in Rufford verbrachten, unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen, sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König, damals noch Prinz von Wales, bewohnen sollte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Ich hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern meine Türe führte direkt in ein großes, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagenes Paradezimmer, das für die „schwersten Gespensterfälle“ notorisch ist.
Unter sich nämlich pflegen die Gäste in Rufford Abbey solche Geschichten ohne Ende auszutauschen. Nur mußte es mich befremden, wenn von erwarteten Besuchern die Rede war, immer wieder Namen zu hören, die mit den haarsträubendsten Erlebnissen verflochten waren. Aber dies läge an dem unglaublich großen Reiz dieses Hauses, erklärte man mir. Ich sei noch zu sehr Neuling, würde ihn aber noch erfahren.
Nach einigen Tagen reisten die Inhaber der „Stuart-rooms“, ein Ehepaar aus der französischen Schweiz, zu meiner Erleichterung ab. Denn Monsieur und Madame de X. waren drückend, fast unmenschlich konventionell, und in allen Dingen von der Mode so eingenommen und genarrt, daß sie zu ganz eigentümlichen Ideenassoziationen und Bildern den Anklang gaben: den grell beleuchteten Kursaal eines großen Badeortes, einen Dampfschiffsalon I. Klasse und derlei. Und dann genierte es mich, zu fühlen, wie sehr es sie genierte, nicht herauszubringen, was es denn puncto Mode für eine Bewandtnis mit mir habe?
Allein infolge dieser Abreise stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer, und meine Freunde forderten mich wiederholt und dringend auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen; ich weigerte mich aber auf das entschiedenste, denn jetzt gefiel es mir hier erst recht! — Doppelt reizvoll und anheimelnd zwar, wirkte gerade in diesen Gemächern der Kontrast hypermoderner Existenzen! Nun beruhigten und erhellten keine herumliegenden Reisetaschen, keine neuesten Hüte und Hutschachteln mehr die düstere Atmosphäre, die wie ein schwerer Himmel über diesen Räumen hing, jetzt war alles so schauerlich und schön!
Allein ich besaß für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder „das Mädchen“, noch „der Mönch“ noch der „cuddling-ghost“, noch die „alte Dame“, die mich doch kennen mußte, bemühten sich zu mir!
Da — eines Nachts — fuhr ich aus tiefem Schlafe plötzlich empor, warf mich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte blitzschnell das Licht auf und stürzte dann zu Boden. Verwundert sah ich in dem hell erleuchteten Raume um mich her. Was war geschehen? Ich konnte mich auf nichts besinnen, und fühlte doch meinen Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht. Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen hatte ja in mir gelebt! Aber welch höllisches Entsetzen hatte mich dann niedergeworfen und jagte mich jetzt von neuem, bevor ich es faßte? — Ach! jenes Licht, ich hatte es entfachen müssen, damit ich die Erschütterung ertrug, die mir jetzt das Bewußtsein brachte: Ich war nicht erwacht, ich war geweckt worden!