Erst als Tageshelle mein Zimmer erfüllte, löschte ich und trat ans Fenster. Wohin man von dem Schloß aus blickte, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß je betrat, und im nächsten Umkreis Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und rechts dem Flüßchen entlang, die schattige und stets geheimnisvolle Straße, das niedere Tor, das alle Verlassenheit und Poesie der Erde zu atmen scheint, und den weiten Rosengarten einfriedet! Und von hier bis zu jenem Tore drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. — Aber diese Mauern, — dieses Zimmer, — diese Flucht qualerfüllter, leerer Gemächer im Morgenschein! Nein! die Frühluft, die jetzt so froh zu mir hereindrang, verscheuchte nicht, wie ich es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Wohl aber lehrte mich dieser zärtlich silberne Morgenhimmel mit seinen frohlockenden Wölkchen, daß ich den Mut nicht finden konnte, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille mich erfüllte, meine untatsächlichen Erlebnisse zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an mir selbst, weil ich sie erfuhr! Keine Worte, die vor dem hellen Tage nicht zerflössen, konnten mir für das trostlos Bezuglose solcher Eindrücke zu Gebote stehen. Und ich mußte alleine damit fertig werden. — Aber das Licht, das nunmehr die ganze Nacht hindurch in meinem Zimmer brannte, sowie die Furcht vor einem Erwachen, wie ich mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielten Nacht für Nacht meine Wachheit rege. Und ich saß aufrecht und horchte! — Gerührt vernahm ich das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte! Und ich horchte entsetzt — wie ein Scheinlebender — auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruh! Welcher Sinn war in mir erwacht, für die finsteren Flammen lechzend wie das Leben reißender Tiere, vom Leben Verstoßener? Für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert!

Und es schien, als dürsteten sie, mich zu erreichen! Als richte sich ihr Sturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, einer Bresche in meinem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, daß ich über all dies nur lachte und daß ein ängstigender Wahnkreis mich wieder freigab, wie die beengende Schlucht den Bach zur Ebene entrinnen läßt.

So drehte ich auch eines Nachts das Licht ungeduldig wieder zu und lag, vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem angenehmen Gefühl des raschen Versinkens und der Sicherheit anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein Riese, unser Bewußtsein davonträgt.

Allein, wie eine Beute ließ er jäh mich fallen! — In der Schnelligkeit, mit der ich nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte ich Decken und Tücher mit fortgerissen; mein Blut, wie in Flucht geschlagen, hämmerte in meinen Schläfen, als dränge es, den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte ich mich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie gemartert umklammerte ich meine Knie, zu einer anderen Welt unwiderstehlich hingezogen!

Nach Verlauf einer Woche wurden Heimat und Vergangenheit, das eigne Leben ferne und undeutlich. Aber wer schilderte zugleich den Widerwillen vor einem solchen Zustand und vor jener wachsenden Bangigkeit, die auch bei Tage, unter freiem Himmel, nicht mehr von mir wich, die mir das Herz zusammenschnürte wegen nichts, weil ein Vogel zu nahe vorüberflog, beim Öffnen eines Gatters draußen im Walde, oder wenn ich die grauen Mauern Ruffords, die auf düsteren Gedanken wie auf Pfeilern zu ruhen schienen, von weitem, unversehens vor mir sah.

Oft verbarg ich mich nun tagsüber in dem langen Saal, ganz der verwunschenen Stimmung hingegeben, die von Norden her eine gewaltige Front finsterer Bäume über die Beauvais-Tapisserien und die Wände ergoß, und zwischen einem Watteau und einem Greuze schlief ich in einer Mauervertiefung am Fenster ein.

Das Wetter blieb den ganzen August hindurch heiter und schön. Vor der Ostfront des Hauses verbrachten wir einen großen Teil des Tages in Korbstühlen, unter paradiesischen Bäumen, lasen, nahmen Tee, sprachen oder schwiegen uns aus und rührten uns oft stundenlang nicht von der Stelle.

Eines Nachmittags saßen wir wieder so tief in unseren Korbstühlen vergraben, daß wir einander kaum sahen. Und willkommen war es mir! Denn meine Sinne, nach außen hin, ja mir selbst entfremdet, zogen sich, wie die Fühlhörner einer Schnecke, in ein dunkles Gehäuse immer mehr zurück.

Tod und Leben, sie konnten ja nur einer Welt gehören! Wie Raum und Zeit, war unsere Trennung von dem Geisterreiche einzig durch die unübersteigliche, aber illusorische Schranke unserer Sinne bedingt. — Schaudernd sah ich zu einer gewissen Fensterreihe empor und gedachte der vergangenen Nacht und der Gedanken, welche da auf mich eindrangen, bis ich, unfähig, mein Alleinsein länger zu ertragen, nach einem anderen Teil des Schlosses fliehen wollte, aber alsbald die Türe wieder zuwarf, wie vor einem Sturm, als sei das Dunkel dieser Gänge eine wilde Flut, vor deren Toben der hellere Raum meines Zimmers noch einzig mich beschützte! — Zum Greifen nahe war ich in dieser letzten Nacht bis zu des Todes Schranken lauschend vorgetreten. Denn des Todes Sicherheit entsendet einen Lockruf, vor welchem des Lebens unsicheres Licht in dunkler Müdigkeit erschauert.