Aber ich lebte ja! Um mich her war der Tag! Aus undurchdringlich seligem Gezweige drang der süße Ruf der Turteltauben durch die laue Luft! Wie sicher fühlte ich mich hier unten, inmitten der anderen, in dem still verweilenden Sommerlicht! Und ermüdet schloß ich die Augen, in dem schwindligen Doppelleben, das ich jetzt führte, versonnen, wie der an steilem Bergesabhang Träumende.

Als ich erwachte, war ich allein. Die Blumen, die in hohen Rabatten nach Art der Klostergärten alle Mauern des Schlosses umwuchsen, umschlossen sie jetzt wie entseelt, mit einem fahlen Ring. Im unteren Stockwerk und links über der Kapelle waren schon alle Fenster beleuchtet, der Schatten einer Zofe huschte geschäftig vorüber und der Prozeß des Ankleidens schien überall in Schwung. Ich eilte nun über den Vorplatz, Gänge und Stiegen hinauf; aber im Laufen fühlte ich die Angst gleich einem Riesenschatten wieder dicht an meiner Seite, als habe sie es gar nötig, mich in mein Zimmer zu begleiten. Zum ersten Male versagte dort das Licht; wie ein entlegener und vergessener Raum lag es in der Dunkelheit vor mir. In dem verlöschenden Tagesschein, der durch das Fenster fiel, sah ich jetzt die Draperien des Bettes heruntergerissen, und daß der Balken, der sie hielt, schräg an der Mauer herabhing. Halb tastete, halb suchte ich nach den Kerzen, fand aber nichts mehr zur Hand, und wandte mich erschrocken der Türe zu, um das Zimmer wieder zu verlassen; allein sie widerstand und die Klinke war von außen gehalten. Noch ehe ich mich besinnen konnte, drang jedoch ein Schrei durch die Türe zu mir und zugleich hing die Klinke wieder locker in meiner Hand.

Auf den Gang hinausstürzend sah ich einen Diener, der wie besessen nach der Richtung der Freitreppe rannte. (Offenbar hatte der mich für einen Geist gehalten.) Flugs holte ich ihn ein, und zwang ihn, mich zu erkennen. Als hätte ich ihn erwartet, nahm ich dann den Brief, den er mir entgegenhielt. Er enthielt eine Menge Gründe für meinen, ohne mein Wissen, schleunigst vollzogenen Umzug. Aber ich las ihn nicht zu Ende! Ob diese Gründe wahr oder erfunden, oder auch nur wahrscheinlich waren, kümmerte mich nicht. Nach meinem neuen Zimmer, das in einem anderen Stockwerk, nach einer anderen Himmelsrichtung lag, flog ich mehr, als ich ging. Dort standen wohlgeordnet alle meine Sachen; die Kerzen brannten vor dem hohen Spiegel und das Kleid, das ich für den Abend anziehen wollte, lag ausgebreitet auf dem Bett. Eine Grille zirpte vor dem Fenster, der warme Rasen duftete so sommerlich herein. Wie schön war alles, was atmete, war diese Erde, war dies Leben! Und wie am Tage meiner Ankunft, als ich im hellen Abendlicht durch die Wälder nach Rufford fuhr, war es da wieder nur ein Bild, das mein Geist begierig greifen und erfassen wollte: des Lebens, der Natur ewig tröstliches Erstehen.

Und doch sind es die schauerlichen Nächte in jenem anderen Zimmer, deren Erinnerung ich heute nicht vermissen möchte.

TORSO

Gedanken, Meinungen und Überzeugungen drängen nach Äußerung, lange bevor wir noch wissen, welchen Ausdruck wir ihnen verleihen, in welche Form wir sie bringen können. Den einen treiben sie zur Gestaltung, zur Ausführung oder zur Tat, den minder Glücklichen zwingen sie zur Schrift.

Leopardi nennt die so verbreitete Meinung von der Seltenheit der Originale einen großen Irrtum, denn bei näherer Betrachtung erweise sich fast ein jeder als ein ganz einziges, noch nie dagewesenes Exemplar! Einem solchen Begriff der Originalität fehlt freilich jedes Prestige. Aber tatsächlich ist es mit den geistigen Physiognomien der Menschen, wie mit den äußerlichen. Könnten wir jene mit den Augen sehen, wir würden da genau dieselbe Mannigfaltigkeit, aber auch dieselben Mißverhältnisse wahrnehmen, wie an den sichtbaren Gestalten; nur daß sich auf geistigem Gebiete der Wahn so bemerkbar macht, als sei hier eine Unterschiebung der eigenen Identität durch eine schönere oder bedeutendere leichter möglich, die Gesetze der Unveränderlichkeit leichter zu täuschen oder zu umgehen, als in der körperlichen Welt. Wie wenige sind denn wirklich schöne oder vollendete Typen! Und wie viele gleichen jenen Bruchstücken antiker Statuen, deren Wirkung durch einen ergänzten Kopf, eine fremde Bewegung verdorben oder gestört wird, statt daß sie bleiben, was sie sind, nämlich meist ohne Kopf und Fuß, aber echt.

Marie stand mit fünf Jahren eines Morgens unter einem Baum, dessen Laub im Winde rauschte, und den blauen Himmel durchblicken ließ. „Das Leben ist schön!“ dachte sie.

Da flog ein Blatt von den Zweigen herab in ihre Hand, und während sie seine groben Adern und Fasern langsam auseinanderriß, wurde sie unsäglich verstimmt. Nicht der froh bewegte Wipfel in der Höhe, das einzelne langweilige Ding in ihren Händen, war die Wirklichkeit! —

Der Grundakkord ihres Wesens schlug da zum erstenmal an ihr Bewußtsein an; denn es gibt nichts Neues im Menschen. Das fin mot eines Ich’s ist ein Motiv, und was hinzutritt, sind Amplifikationen.