Am schwersten ließ sie sich’s mit Schopenhauer werden, der den jugendlichen Leser terrorisiert. Und wer war sie, daß sie es wagte, ohnmächtig, verzweifelnd, so lange gegen ihn anzustürmen, bis ihre innerste Überzeugung sich wieder von ihm losriß, von seinem großartigen Gedankenring gefördert und belehrt, ihm nicht länger unterworfen war?
Wagner aber lehrte ihr, wie mit jener Philosophie zu verfahren sei: Die schroff eingehemmte Theorie der Willensverneinung lenkte er versöhnend zu Parsifals ergreifender Erkenntnis, und Schopenhauers elementare Lehre der Liebe veredelten und krönten Tristan und Isolde.
Einen heißen einsamen Sommer verbrachte sie mit Platos Büchern und unter Tränen las sie das herrliche Symposion. Hier war ein Ziel und göttliches Verweilen, der Harmonien stiller seliger Hauch, und wie vom hohen Berg herab, lag da die Welt, — beschaulich, — unbegehrt, — zu ihren Füßen.
Aber sie war schön, diese Welt! Feierlich und groß! — Und alles in ihr erhielt Sinn, Leben und Bestand durch Bezüge. Und in Bezügen lag ein Schwerpunkt selbst der größten Geister.
Der Erwerb des einen wird da dem anderen Besitz; Steigbügel für den Kommenden. Allein die Schranke war die Bedingung des menschlichen Gehirns, und die Grenze des intellektuellen Vermögens durch die menschliche Natur scharf abgesteckt.
Marie versank in immer tieferes Nachdenken.
Nein: Allumfassende Vollkommenheit war nirgends. —
Da erstand vor ihrem inneren Auge, wie im Morgengrauen deutlich erkennbar — die universellste, übergreifendste Gestalt, die keine Irrtümer und keine Lücken in sich aufwies! Vielmehr auf unnennbar geheimnisvolle Weise alle Widersprüche in sich aufhob, weil ihr nichts fremd war und nichts entzogen, was tausendfach die Menschen scheidet und vereinsamt. Ja, es war ein Mensch. Aber Himmel und Erde waren der Schlüssel zu ihm, und er erfüllte die Welt. Allumfassendes, schweigendes Begreifen entströmte seinem Auge. Es war ein Gott. Seine Züge aber! Die größten Denker und Meister aller Zeiten hatten sie ihr entschleiert, weil alle menschlichen Heroen zu seinen Kommentaren wurden, und ihre unbeschreibliche Bewandtnis zur Erläuterung! — Keine Philosophie keine Äußerung auf dem Gebiete des menschlichen Geistes, ja des Geistreichen, des Witzigen, des Profanen — keine Kunst, die nicht zu ihm gravitierte. Der Gedanke war so groß, daß sie erschauerte. Und von der überschwänglichen Tragweite jenes schlichttönenden Ausspruches: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ war sie da wie von unendlichen Schallwellen fortgerissen und durchleuchtet.
Nur eines trennte ihn von uns — das Übel, das allen Gram erzeugt. Eines mußte er uns entnehmen. Eines war göttergleich im Prinzip von ihm ausgeschieden: die Qual.
Marie mochte ihre Gedanken nicht länger ertragen. Sie ging hinab in die Straße, den starren Häuserreihen entlang, der heißen verödeten Stadt. Aber das Licht, der Anblick des leeren, weißlichen Himmels erweckte Erinnerungen und Leid. Zum Stachel war ihr da der taube Glanz des Tages, und jene „Geister der Luft“, die den Menschen jagen und ihm das Himmelslicht versteinern. Atemringend muß er es ertragen.