Eins aber konnte nur Paris in seinem überlegen verführerischen Reiz mich lehren, dies edle, schimmernde Paris, das herrlich sich vollenden durfte, wie inmitten einer Welt des Friedens! Nie wieder, schien mir, konnte, durfte ich umflorten Auges, wie an jenem Morgen, Frankreichs Trauer bebend nachempfinden und beklagen! Denn nicht um eine Minute hatten wir die Kultur dieses Landes zurückgeworfen, das als ein unerhörter Feind der unseren in der Geschichte steht.
Ich war empört in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht länger hielt es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, ließ mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.
Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die alten Bäume umschlungen. In peinigender Flüchtigkeit und Süße durchschauerten sie die Luft, und die Psyche längst vergangener Dinge umhallte mich. Wir waren Brüder! Noch stehen sie überall, die Spuren unserer einstigen Gemeinschaft, unsere umdüsterten Kathedralen, unsere alten Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon lange insgeheim langweilen, weil gerade in der Reife, zu der unsere nationalsten Züge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewußtsein unserer Halbheit und in der Verschmelzung unserer Qualitäten der Keim vollkommenerer Typen liegt. Denn ach, wozu sich betören? Von Herzen froh wird man ja heute nirgends. Kläglich veraltet und vermorscht sind heute unsere tausendjährigen Familienzwiste, als könnte ihrer Asche allein der neue Phönix unseres Erdteils entstrahlen: nur einem greater Europe ein greater England, greater Germany und greater France.
II.
Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem der klügsten Männer Frankreichs von Vendôme nach Paris. Schlösser und Hütten, Riesenwälder, lichte Pappelgruppen an langweiligen kleinen Flüssen waren an uns vorübergeflogen, und ich dachte zurück an den verflossenen Abend, an eine nächtliche Fahrt nach einem wundervollen mittelalterlichen Schloß, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen darf: erhebendes Diner, denn Götter hätten hier tafeln können, ohne sich zu schämen.
Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden Höhe gewesen. Die üblichen Gesprächsthemen in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die religiösen Zustände waren ergiebig und einmütig verhandelt worden; von dem damals eben erfolgten Besuch des italienischen Königspaares in Paris gelangten dafür nur einzelne Verstöße beim Empfang in Versailles zu ausführlicher und höhnischer Erörterung, und der Rest war Schweigen. Nun hatte ich Paris während der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem Empfinden nahm es sich ja, gerade in diesen Tagen, in der verhältnismäßig etwas naiven Schmückung der Häuser und Straßen, am wenigsten zu seinen Gunsten aus. Was sollen auch Fähnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer Place Vendôme viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtermeer der illuminierten Kugel-Girlanden und Triumphbögen schien es, als zöge sich für den Abend das stolze herrliche Paris hinter einem riesengroßen funkelnden Kasperltheater zurück.
Ich erzählte meinem Tischnachbarn, daß ich der Einfahrt des Königs von einem Hause der Champs Elysées aus zugesehen und mich über die verhältnismäßige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich jedoch: das Demonstrative läge nicht in der Natur der Franzosen. Ein Zufall hatte aber gewollt, daß mir noch an jenem selben Abend ein ganz anderes Paris: das der Revolution, auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.
Einige Stunden nach dem Einzug hatte mich mein Weg durch eine jener schmalen Gassen geführt, die das Elysée umgrenzen, und ich dachte für den Augenblick nicht an die Anwesenheit des italienischen Königspaares, als ich auf die denkbar peinlichste Weise daran erinnert wurde. — Von einem Strom von Menschen plötzlich fortgerissen und umringt, gab es für mich kein Vorwärts noch Zurück. In der Angst, zu fallen, und von dem schrecklichen Dunst bedrängt, sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in nächster Nähe, friedlich an einen Baum gelehnt — einen unbesetzten Stuhl. Rasch darauf springend und so dem Haufen einigermaßen entzogen, wollte ich hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.
Wer die Franzosen nicht für demonstrativ hielt, der wurde nämlich hier eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien sie da gerade hinaus, halb betäubt, halb wie die Wilden, nach der Königin. „Kommen sie bald?“ fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschürzten Vertreter des stärkeren Geschlechts. — „Sie sind schon vorüber,“ gab er mir zur Antwort.
Dies erklärte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausgänge und schrie mit heiserer Stimme: „La reine! nous voulons voir la reine!“ Und plötzlich, von meinem erhöhten Posten auf sie herabsehend, war mir, als erkannte ich sie genau wieder als jenes selbe kopfscheue, schnell überschäumende Volk, das unfähig sich zu besinnen, die Köpfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu höllischen Bildsäulen erhob und in diesen Straßen wütete. Ich erkannte den furchtbarsten Pöbel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.