Allein ich hütete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie hätten allzu bereiten Erfolg gefunden. Denn an die hundertjährigen Hecken, die das Dornröschen von der Außenwelt trennten, sah ich mich in diesen Schlössern gemahnt, und weit genug war ich hier von meinen Pariser Erlebnissen getrennt. Man muß sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien, im Leben oft so reizende Menschen! Eine Dame in einem beneidenswerten Perlendiadem äußerte sich, es sei unbedingt heroisch vom König von Italien, ein so heruntergekommenes Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich über den Tisch herüber, ob wir im Ausland gegenwärtig die Franzosen nicht sehr von oben herab behandelten?

War es der hohe Saal, die edlen Bilder an den Wänden, der Prunk der strahlenden Rosen, die aus der Erde emporzublühen schienen, war es der herrliche Rahmen dieser Tafel, der mich hinriß? Denn wie ein Glockenspiel, das einmal aufgezogen, ausklingen muß, gerieten da meine eigenen, bisher noch kaum bestimmten Eindrücke in Schwung. „Ist Ihre Verfassung als solche,“ sagte ich verwundert, „der Grund Ihrer Verstimmung Ihrem eigenen Lande gegenüber? Aber Ihre große Majorität ist doch nun einmal republikanisch?“

„Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs würden Sie anderer Meinung finden,“ gab mir die Dame zur Antwort.

„Ach,“ seufzte ich, „es gibt nur erste Menschen.“

„Nicht, daß ich Gesellschaften nicht anerkenne,“ führte ich alsbald und unter dem allgemeinen Schweigen etwas mühsamer aus, „ich glaube jedoch an so vieles, so verschiedenes, und an die Berechtigung so mannigfaltiger, scheinbar entgegengesetzter Anschauungen, weil sie mir vielmehr gemacht erscheinen, einander zu erfüllen und zu ergänzen, als einander auszuscheiden.“

Hier trat nun einer der Gäste, derselbe, der jetzt in der Eisenbahn hinter seinen Zeitungen vergraben, mir gegenüber saß, für mich ein: „Der höhere Mensch kann nicht aristokratisch genug, er kann nicht demokratisch genug sein,“ sagte er. „England hat diese Wahrheit auch für seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewußt. Worin beruht die Macht und Würde des englischen Adels, wenn nicht in seiner demokratischen Affiliation, und woran ging unser Königtum zugrunde, wenn nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?“

„Es gibt noch Leute, mein Herr,“ unterbrach ihn ein vergrämter, früh verabschiedeter einstiger Diplomat, „welche in der französischen Revolution den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.“

„Doch nur,“ rief er, „weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute so unheilvoll tränkte! Denn während aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein belebender Zug strömte, weilen in ihrer Heimat, an ihrer Quelle selbst, unversöhnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch veränderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Königtum, wie es sich seitdem verjüngte, ein altes verstaubtes, ewig überwundenes Königtum, möchten diese in vergoldeten Kutschen einholen und begrüßen!“

Einen Augenblick war es still in dem glänzenden Saale wie in einem verzauberten Schloß.

„Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!“ sagte dann die Dame mit dem Perlendiadem, welche die Place de la Concorde nie anders als Place Louis XV nannte.