„Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben,“ rief er. „Bedenken Sie, daß es bei uns zum guten Ton gehört, sich für Politik nicht zu interessieren! Indes selbst die Herrscherhäuser der anderen Länder ein so weitgehendes Verständnis für die großen Strömungen an den Tag legten, welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die ganze erste Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent so hoch einschätze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankläger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, — und er deutete auf die Wände, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken herniedersahen — ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes!“ —

Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmäßig gleitenden Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit isoliert und erhöht. Draußen lag schon Blässe über das Land gebreitet und die Wälder atmeten herbstliche Klagen. Blässer noch, im langen, regelmäßigen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majestätischen Senkungen seiner Terrassen.

„An was denken Sie?“ fragte mich da plötzlich mein Reisegefährte.

„Wie soll ich das der Reihe nach sagen?“ erwiderte ich. „Gedanken können sehr wohl in Schwärmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.“

„Aber eine Taube in der Hand,“ sagte er, „ist besser, als viele auf dem Dache.“

„Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien, und geriet dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Alle Äußerungen nämlich, welche die Geistesart, den Charakter einer Nation am intensivsten oder am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln mich zumeist, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie mächtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte Völker auseinanderhält, wie verschieden er sie bildete, und daß in einer Welt, die überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ähnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Differenzierungen liegt.“

„Wußten Sie das nicht?“ sagte er.

„Ich zweifle, daß wir es alle zur Genüge wissen. Denn diese Differenzierungen sind gegenwärtig so weit gediehen, daß drei hervorragendste europäische Nationen, die Deutschen, Franzosen und Engländer, die, rein menschlich gesprochen, einander am vollkommensten ergänzen, tatsächlich außerstand gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und psychologisch unüberbrückbar fern einander gegenüberstehen!“

„Wollen Sie Ihre Eindrücke nicht näher bestimmen?“ fragte er.

„Zum Beispiel,“ sagte ich, „leugnen wir gar nicht, daß es eine bêtise allemande gibt. Inzwischen wurde ich nun auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter, verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgeführt, ich möchte sagen ‚abgeschliffener‘ die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich zu veräußern. Les deux bêtises erkennen sich nicht wieder.“