„Daraus folgt nicht, daß sich die Klugen nicht verständigen könnten.“

„Aber auch da,“ sagte ich, „ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit für den Ausländer, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht darin, daß er den französischen Geist von der französischen Kultur nicht genügend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen seinen Äußerungen in Kleidung, Möbel und Gewerbe, auf allen Gebieten des äußeren Lebens bis hinauf zu den bildenden Künsten in Frankreich seine eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Schönen ist da von einer Ära zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser Gärten, Lauben und Fassaden, gewisser Plätze in Paris, war ich von Bewunderung für die Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt! Aber trotz jenes großen Stilgefühls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob und veredelte, trotz jener Gründlichkeit und Vollendung, jenes strengen Maßes, das ihre Leistungen krönt, ist es nicht seltsam, daß auf rein ideellem Gebiete, gerade in ihrem Lande das Extreme und Maßlose sich freier als anderswo entfalten durfte, während in dem rauhen und vielspältigen Deutschland ein Mann wie Goethe unser Geistesleben adelte.“

— Ist es nicht seltsam, wie unser Gefühl für Goethe mit uns wächst? Oft vergeht doch eine lange Zeit, ohne daß wir uns mit ihm beschäftigen, noch ihn lesen, und plötzlich erfaßt uns dann der Gedanke an ihn wieder mit einer Macht, die uns durchschauert. —

„Werden Sie mir später auch einige Kritiken gestatten?“ begann da mein Reisegefährte. „Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig mit unseren Extremen?“

„Ah,“ sagte ich, „Frankreich ist doch wie ein Garten voll Blumen, mit Schlössern und Gütern besät. Unlängst,“ fuhr ich zu ihm gewendet fort, „sah ich ein Schloß, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Büchergestelle, die den Wänden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es ausschließlich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft könne sie sich nur von ganzem Herzen schämen! Flaubert zu lesen habe ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es hätte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schlamm nicht liebe.“

„Aber solche Leute,“ rief er, „gibt es doch überall!“

„Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hörte in Frankreich Sonntagspredigten, die bei uns nicht gestattet wären. Eine junge und reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf acht zu geben, was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der Gemeinde die Autoritäten des Landes in den fürchterlichsten Farben. Tatsächlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich unter den begüterten Familien nicht einen einzigen Knaben, dessen Erziehung unter einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte wäre uns zu extrem! Aber ich fürchte,“ schloß ich, „derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen. Und doch hätten wir so viel voneinander zu gewinnen!“

„Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den französischen Mängeln beschäftigt.“

„Nein,“ rief ich, „denn nichts regt ja, wenigstens meinem Gefühle nach, unseren patriotischen Eifer so sehr an, als unsere Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der unvergleichliche Formensinn, die bewundernswerte Regsamkeit, welche Paris zu einer der schönsten Kundgebungen menschlicher Kultur erhob und inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf seiner Höhe zu erhalten wußte. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden Überblick, das englische Erziehungssystem, die englische Ästhetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glücklichsten und schönsten Nation der Welt geworden ist.“

„Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!“ rief er. „Die Vorzüge der Franzosen und Engländer sind Ihnen entzogen, weil Sie eben Deutsche sind!“