sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für gegeben. Wer den Schreck noch nicht erfuhr, die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer Blüte sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt das Leben nicht. Hier vermag die Phantasie für sich allein ohne Erfahrungen nicht vorzugreifen. Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es kam mir nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb bald überschreiten würde. Ich besaß noch nicht die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: hier eine kleine Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, und der Verfall ist eingeleitet, so unmerklich zwar, daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht noch ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor.
Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse lagen mir noch fern; es war alles zeitlos. –
Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der Hexe nie Gelegenheit gehabt hatte anzulegen, kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders, von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. Wie entseelt hing es vom Stuhle.
Zehntes Kapitel
Das junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; Mary Coroughdeen, der sommerliche Herr und ich wollten mit dem Abendzug nach Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem Vergnügungsfieber folgte ich vorher noch einer Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß sie mich bewunderten. Dies bewirkte ein Gefühl so großer Sicherheit, daß meine Einfälle einander richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal noch anhaben? Um sechs Uhr ging es mit Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, und Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte ich mich von meiner Umgebung los, um einen Strohhut zu erstehen, der mir schon lange ins Auge stach. Der Preis war toll, aber was schadete das? Eine solche Jahreswende, ein solches Silvester mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die ärgste Kälte ein. Dem häßlichen und hassenswerten Winter war ich zum erstenmal entronnen, dem grauen Schnee um drei Uhr nachmittags unter den abscheulichen Glockenklängen meiner in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! Entronnen!
Ja, Treffpunkt war die Bahn.
Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen bar? kam mir da nicht der sommerliche Herr entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte?
„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was am besten wäre.“
„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte lachend den papiernen Sack, der ihn enthielt. „Ist schon geschehen.“
„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. „Mein Schwager ist plötzlich gestorben. Ich suchte vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist mit dem Mittagszug nach London abgereist.“