Der Riese aber ...
Ein Riese?
Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur Tür versperrte und sich über mich warf. Der schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem Riesen, der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, mit Würgerhänden mich von neuem überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, besiegte ich den dunklen, nie erlahmenden Riesen, und doch, ob ich ihn auch in die Tiefe stürzte, seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. Das Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte so lang, meine Kraft war ausgegeben. Wie kam es, daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum Scheine zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche, wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie brechend stieß ich ihn hinab. War mir ersterbend eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen? War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche Schwelle überzog ich da so tief aufatmend, so erschöpft, daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte?
O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. Und wer war diese alte Dienerin, so schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich stützte, mit meinen Füßen sich zu schaffen gab und mich zu einem niedrigen antiken Bett geleitete? Statt des Fensters eine breite Öffnung in der Mauer, die auf eine klassische und rätselhafte Landschaft niedersah: Bergeslinien, die mit so sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als flössen die Farben aller Tageszeiten in einem einzigen Glissando.
Aber die Luft um mich her, diese unnennbare Luft, sie vor allem war das Kompendium des Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. Niemand kündete sich an. Doch mein Alleinsein war köstlichstes Umgebensein und aller Fülle teilhaft. Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo fände sich ein Wort für solche Vielsamkeit?
Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken und wesenlos das Ringen. Geworden nur die Süße dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte der Traum einer Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein zu erreichen. Ich saß hoch aufgerichtet, meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben.
Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut.
Mit diesem Worte schließt die Geschichte. Es bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, von denen meine gleichzeitig leichtsinnige und eingeschüchterte Jugend bisher nichts gewußt hatte. Schließlich mischte sich sogar die Weltgeschichte ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein umfangreiches Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ heißen sollte, blieb darüber Entwurf. Der Weg, der an die Stelle zurückführen würde, wo die kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig verschüttet. Was bleibt, ist ein großes Bedauern über die Zeitwende, das vielleicht auch andere teilen werden – und diese kleine Novelle.