Argumente hielten stand vor dem teuflischen Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit dieser Welt, den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, dem Netz des Leidens ausgeworfen nach der Kreatur, dem weglosen, verwirrenden Leiden des Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug mir über dem Kopf zusammen.

„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein Zeichen unter diesem Abendhimmel Roms. Wieder hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet, wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, gegen die Hütte geschleudert, das gestirnte Firmament vor die Schranken rief. Liefen alle Anstrengungen und alle Opfer leer, dann war auch der Selbstmord nicht die fausse sortie, die Schopenhauer meinte, lebten aber die Kräfte, von welchen ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden? Tat ich dies? Träume waren meine einzige Gewähr gewesen. Träume lagen mittewegs. Aber Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, mich zu ihnen aufzumachen. Was also waren Träume?

Aber kehren wir zur Brücke zurück.

Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete mich in Venedig. Sie hatte endlich ihre erträumte Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene Kranken, die zur Schwelle eines Tempels pilgerten, Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, das Fazit meiner mondsüchtigen Schritte zu ziehen. Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner verschütteten, greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen setzend, die letzten Lose auswerfend, da ich nichts zu verlieren hatte, wenn ich verlor. So wandte ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den Korso zurück, zum ersten Male wieder guten Mutes, ja entrückt.

Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in meinem Koffer, sprang ich um Mitternacht in die Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich heimgekehrter Gatte gekommen waren mich zu holen. Die stillen Wasserstraßen klangen vollstimmig an mein Ohr; und als der Morgen aufzog, sangen die Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, seine Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und wie ein Lied entstieg San Giorgio. Alles, selbst die Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf Silbergrau gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil und traumlos für das unreife Gemüt. Venedig ist Musik. Süß durchbohrt es das gequälte Herz. – Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf den schmalen Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. Glatte Mauern bis auf ein Fenster, das offen stand. Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf rote Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte ich stehen und schauen, aber so, wie einer horcht.

„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher die folgenden Tage in großer Scheinruhe verrannen. Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. Ich dehnte ihn so lange wie möglich aus. Mein Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten mich von ihr. Die Nacht kam.

Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die Mitte meines Zimmers ein. Eleonor war stolz auf die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine kostbare Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es viel Gezänke und Gelächter in den Gassen. Heute belebten sie sich nicht. Wie eingelassenes Wasser stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, wie die Jungfrau, welche ihre Öllampe für den Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre Runde. Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; sie deckte alle Pfade, alle Wälder, alle Brücken zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar. Alle Tiere, die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten beruhigt. Erst mit dem Morgen drohte ihnen wiederum Gefahr. Gesichert schliefen die süßen Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, nur den Kranken und unglücklich Liebenden abhold. Auch mich entriß sie ungnädig schnell dem barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, daß ich erschreckt das Licht aufdrehte. Dumpfen Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten Wänden meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. Gefängnismauern kamen sie gleich, feucht von Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten. – Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es schlug vier Uhr von den Kirchen und den Türmen Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine Knie umklammernd mich besann ... Nichts. Auf dem Flur eines gewöhnlichen Hauses hatte ich gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein paar Schritte trennten mich von einer verschlossenen Tür. Warum verschlossen? und warum wollte ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. So schwache Furchen hatte das nichtssagende Bild gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu überschreiten?

Ich sank zurück.

Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, Hunde nur nahmen, was sie kriegten, und wühlten noch unter Knochen.

Das Licht verlöschend ward ich eins mit der Finsternis.