„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell.

„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie.

Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten von Fabrice, dessen Erinnerungen bis in das Jahr 1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er lebte damals als junger Mann in Dresden, und der Kapellmeister Wagner war ihm vom Sehen bekannt. An einem Wintermorgen auf der Straße hinter ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler angehalten, seine Taschen durchsuchend, ohne etwas hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend und weitereilen. Ein Brief aus Zürich an Liszt, in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot klagt, über die einbrechende Kälte, und daß er keinen Wintermantel habe, ist zwei Jahre später datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte (denn Fabrice war tot), welche wußte, warum dies Garderobestück ihm fehlte.

So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten Bögen Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches Auffahrt überwand ich unschwer. Selbst von einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. Die Nähe war eine Beeinträchtigung auch für ihn, da hier nur die Distanz den richtigen Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen konnte. Selbst für ihn. Daher die Bitterkeit, der schmerzliche Unterton bei Nietzsche, der seine eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner wissen wir als einzige Äußerung zu dem Bruche nur jene Worte, die er ihm bestellen ließ: nunmehr sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn auch der „Fall Wagner“ an allen Ecken und Enden ein „Fall Nietzsche“.

In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – Vierzig Jahre nach Wagners Tod trat der französische Komponist Paul Ducas in der Revue Musicale mit einer Charakteristik Wagners hervor, die, ein Meisterstück an Augenmaß – eben diese Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier den geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen hat.

Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit ausholende Kurve führt uns zur Brücke zurück, auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, über beste Todesarten meditiere.

Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk sie auch sein mochte, gab es kein Zurück. Es blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, in diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. Sie war das hohe Meer, längst allen Ufern entzogen. Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr, wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, vorhanden seien. Dies forderte ich. Ich forderte ein Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir zurechtgelegt hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm nicht entsagen, ohne mich selbst aufzugeben. Jener Satz, daß der Sprung vom niedrigsten zum höchsten Menschen größer sei, als der vom höchsten Tier zum niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf meine Mühle getrieben. Denn Rangunterschiede waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders sein, als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, nach besonderen Gesetzen antrat, ob sie auch, infolge des verhängnisvollsten aller Mißverständnisse, mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. In diesem Lichte nur war alles wahr und falsch zugleich, was vom Menschen als dem Maß aller Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten stand. „Ihr seid Götter“, hieß es zu den einen, und den andern wird verkündet, daß sie endlose Male wiederkehren oder sterben werden, was ja dasselbe ist. Vom Gattungsmenschen und seinem Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief die Leiter bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele lebten, deren Anteil an grausamen Geschicken täglich sich vermehrte ... ebenso sicher dünkte mir dies, als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren Formel wir nur nicht kennen – über die weniger sterblichen, die vollendeten Typen. Freie waren’s. – Einen mächtigen Freibrief erkannte ich ihnen zu: die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur so zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte.

Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen Seiten: ich erachtete mich als ein Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht Folge und Grund zugleich meiner Verlassenheit sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über Gute und Böse ging die Sonne auf, über den Narren aber stand sie still.

Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich hatte ich weiß nicht was für Hoffnungen auf diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung ihres Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts Beschwichtigendes, es sei denn sein Licht. Rom wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche