Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor erkoren. Seinem Dienste war ich eingeschworen, seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand überantwortet. Seine gewichtigen zehn Bände waren das Bollwerk meines Château du cœur. Seinen langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die Wagnerische Mode, doch schon mehrten sich die Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er fort, der lästige Chor, dann blieben nur die Wenigen, die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er mir. Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, über die ich nicht mit mir handeln ließ; jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die Standarte meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse nicht vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen Scheidungen immer gewillt; zu Donquichotterien immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin, die über Wagner im familiären Tone aburteilte, daß ich, über die Köpfe ihrer Gäste hinweg, lauten Protest erhob und augenblicklich ihren „jour“ verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Ein leichter Wind umstrich mich linde: derweil die oben Gebliebenen empört über mich zu Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer war ich denn?

Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird das Recht auf eigene Meinung, so wir eine haben, am längsten angezweifelt und bekämpft; daher einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit geboten wird, zur Menschenkennerin heranzureifen. Diesbezüglich befand ich mich in vorderster Szene, wo immer ich auftrat. London oder Berlin, es war ganz gleich. Als ich zum ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, lebte noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein feiner, überlegener Greis. Auf irgendeine Empfehlung hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es war ein Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. Nach einem kleinen, köstlichen Diner stand ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft. Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden und gewellten Haar figurierte in ihrer Schlankheit zu Ehren des noch schönen Paul Deschanel, das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von Frack, die seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, seine für weiße Manschetten wie erdachten Hände, sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies alles, wenn ich es heute überdenke, war von einer vorkriegszeitlichen Pracht, ohne störende Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – als Empfangsräume, als den Salon.

Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte ich mich nur selten. Es war auch nicht nötig; im übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und weniger konnte man nicht sein.

Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth zu sprechen, und zu meinem Schrecken riß die Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub. „Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon führte ich wieder Schild und Speer, schon hielt ich am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon war ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch führen sollen über Summen, die er zur allgemeinen Bereicherung entlieh? und wenn wir schon feilschten, warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, die er begründete, die Theater, die er dotierte oder ins Leben rief, die Riesenvermögen der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? „Wenn wir schon feilschten,“ sagte ich und blickte unbefangen im Kreise umher, „gab er dem Etat der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, „den Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite liegt der Undank, wenn wir schon rechnen?“ fragte ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf und verachtete, wie er zu einer von Mark und Pfennig gravitätisch eingedämmten Welt sich so unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie erfrischend, welche Labung!“ rief ich aus.

Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners den Anwesenden denkbar egal. Was sollte dies feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen, Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, dann sagte jemand: „Comme il fait chaud!“

Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit befiel mich wieder und schmiedete mich an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen. Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten Mannes vom anderen Ende des Zimmers näher, und es erklangen die rettenden und unverhofften Worte: „Elle a raison“.

Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er hatte dem greisen Wagner bei Gelegenheit eines Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, seine einfache und rücksichtsvolle Art. Dagegen machte er den denkbar schärfsten Trennungsstrich zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen gewesen sei. Alle hörten jetzt mit großer Spannung zu. Wie glücklich aber war ich selbst an diesem Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner Schritte auf dem Heimweg an mein Ohr. In Paris, wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als armer Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte mir mit ergreifender Deutlichkeit vor.

Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich auf dem Platz des Münchner Hoftheaters. Allein. Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang, und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik nicht mehr ertrug. Sie bekundete mir nichts mehr. Sie quälte mich. Die Vorstellung war mittelmäßig, es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch – ob ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu oft vernommen, auf immer vielleicht erschöpft blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch ein Stoß! – Zwar erhielt mein Wagnerkult keine Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies nicht. Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, der Weltenatem seines Geistes, dies war es, was ihn unsterblich machte. „Schafft Neues“ war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. Setzte da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, ihm zu Ehren eines seiner Bühnenwerke an, so ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister war er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, mein Idol. Es rührte mich unbeschreiblich, daß er für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung erträumt, und den naiven Wunsch gehegt hatte, die Bretter der eigens dafür zu errichtenden Bühne zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung an das einmalige Fest verbleiben zu sehen.

Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, die Feuerzauberratsche, den Opernstaub, das Gerümpel manch geradezu ochsenhaft einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die Beliebtheit schlimmer als jeder Boykott?

Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten zu sammeln! Am besten gefiel mir die einer alten Sängerin, an welcher er im Couloir des Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: „Ich halte es vor Langerweile nicht mehr aus,“ in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten in einer Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt.