Fünfzehntes Kapitel
Unvorbereiteter waren sicher noch nicht viele nach der Stätte so großer Ereignisse gewandert. Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als ein Sinnbild aller Grausamkeiten, und nur mit Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin, aus welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen.
Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser gewesen, sich zu drücken?
Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele Leiden beherbergt. St. Peter, mit Ausnahme von Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige Kirche, die mich rührte, von den Museen beglückten mich nur die Thermen, vor dem Forum versagte meine Phantasie. Schöner war es, in die Villa Medici zu gehen. In einer der Alleen stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von späten Rosen umrankt, über ihn der verglühende Tag. Rom ist eine Stadt des Abends. Er hob sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann untertan. Starke Tränke für den Beschauer waren ihre Sonnenuntergänge. Auch mir benahmen sie die Armut. Doch nur auf Augenblicke.
Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang dieses Buches steht: eine radikale Sprunghaftigkeit könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit des Denkens zusammenhängen und es käme auf eine Probe an.
Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das Leben. Nicht in der Verkürzung wie der Greis, sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich vor ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es in Kauf. Die Jugend ist hierin feiner. Sie ist noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie es bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt sie das Zaudern und das Grauen. Erbarmt euch ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum Verhängnis. Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord näher. Über die Brücke gelehnt, bedachte ich nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines Daseins, nur noch die besten Arten, mich ihm zu entziehen. Eine solche Flucht war freilich eine Niederlage und ein anderes Wort für: nicht bestehen. Allein es war der letzte Anker, wohl in Sicht zu halten.
Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? Saß es auf seinen sieben Hügeln, um mir Richtlinien zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten sich um die Herrschaft in meinem Inneren. Die Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant in Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen überhaupt zugrunde. Aber die letzten Dinge, nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. Die Aula jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, ohne Anleitung durch Dornen und Gestrüppe mich reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost, nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt des Führers, statt des Rückhalts, statt des Abiturs – den Hokuspokus.
Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war Richard Wagner geworden.