Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein, funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum, als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang in den Wagen.

Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten, die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an, zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.

Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.

„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –

Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann?

Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt herumfahren? Pläsier? fragte ich.

Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen. Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht. Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst – wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe, so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen, welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich der willkommene Ruf. Man fuhr.

Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt.

Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte Linke leicht herablassend zum Gruße zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich war von drei Gläsern Marsala (drei!) unbändig heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die pane con jambone, die pasticcerie, noch die frutta secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich mich länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten Streiches, die aus dem Stegreif inszenierte Komödie hatte allen Schaden wett gemacht. Ich war gerächt. – Er würde es heute abend schon gewahr werden, der dicke Hans Dampf unter seiner Tür, daß an den Zecchini dieses Tages etwas nicht stimmte, nie aber würde er auf die über jeden Verdacht so erhabene, dem Alltag so entzogene Miß geraten, die ihr englisches Buch fest an sich hielt, während sie sich unversehens mit Marsala half, um ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte der Raum, sonst hätte ich getanzt, es fehlte ein viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder mit mir selbst; so zufrieden verzehrte ich jetzt den ganzen Proviant. Vor allem mein Gewissen aber hatte die verlorene Ruhe zurück erworben.

So kam ich zum erstenmal nach Rom.