„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr feurigen Freund, der unter gräßlichen Schwüren beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig Damen teilten durchaus seine Ansicht. Es war wirklich nicht so einfach, wissen Sie. Ich hatte Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem gerissenen Bande hoch und schilderte, wie leid Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. Nur ich allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. Er zog seine Uhr. „Wir kommen noch recht zum zweiten Akt.“

Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die ersten Vögel. Silberner Flor war am Himmel zerstäubt. Man klopfte, um mich zu wecken. Doch ich stand schon bereit. Fluchtartig also und bei Tagesgrauen mußte ich Florenz verlassen. Es war meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein zweiter Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen und ihren sommerlichen Bruder sah ich niemals wieder.

Vierzehntes Kapitel

Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt, ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist – wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre!

Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches Sterben.

So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) – den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert.

Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und wehte mir entgegen.

Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit, und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert ganz für sich allein ...

Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum, mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die dumpfe Allgemeinheit überragen. –

War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht vergebens ...