„Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!“ rief er. „Die Vorzüge der Franzosen und Engländer sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche sind!“
„Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen ihre großen Männer.“
„Immer diese großen Männer!“ sagte er. „Sie sind noch lange nicht die Nation. Und Sie vergessen, daß noch keine von ihren eigenen großen Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.“
„Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle ihrer Anlagen erkannte.“
„Aber was nützt es?“ sagte er. „Die Deutschen bearbeiten meist nur eine Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was nützt es, daß sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.“
„Ein glücklicheres Ebenmaß könnte diese Kritiker über schwerer zu beseitigende Mängel hinwegtäuschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das ist auch etwas Schönes.“
„Wir sind alle im Werden!“ rief er. „Aber warum unterschätzen Sie die Großzügigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?“
„In Deutschland,“ sagte ich, „machen sich die klugen Leute nichts aus der Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.“
„Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht einsamer als andere. Aber sie wollen herrschen! Die Berechtigung ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit größerem Maße zu; hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt, das ihrem geistigen Niveau entspräche. Dazu kommt, daß bei ihnen der Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der ‚Bereisten‘ ein so geringer ist. Man kann ja,“ fuhr er fort, „den Kosmopolitismus zu weit treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für ihn: eine wahre und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschluß und verleiht unter anderem den Überblick und die Menschenkenntnis der eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermögenden wie die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen.“
„Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich sagte, beide Völker hätten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun logischer von uns beiden?“