„Sie vergessen nur zu leicht, daß es auch politische Gesichtspunkte gibt.“
„Was andere besser verstehen, überlasse ich ihnen lieber ganz und gar und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr Übersicht gewähren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in hundert Jahren recht haben sollte.“
Langsam rollte jetzt der Zug in die große Halle der Gare St. Lazare.
1905 Wiener Zeit.
III.
Alte Leute schütteln die Köpfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit unseren immer schleunigeren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere Väter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei’s gesagt: wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben. Ein steigernder Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch große Städte mit Windeseile, und größte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur entsprechendsten Äußerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren verträgt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage, aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere, denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den Gliedern sitzt.
Es stehen uns zwar noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als daß wir merken könnten, daß sie länger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegensätze sich zu versöhnen, alte Vorurteile zu zerfallen strebten.
Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la Paix zur Place Vendôme; den weltberühmten Modeläden entstiegen elegante Frauen mit blassen Zügen und großen sicheren Augen. Die reiche, fast edel zu nennende Vollendung ihrer ganzen äußerlichen Haltung lieh ihnen einen Glanz von Schönheit und Überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis ihr Wagen aus dem Gedränge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer begründet, als jenes Gefühl unendlichen Entrücktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.
In jenen Pariser Straßen geht es sich so leicht. Was das Auge dort fortwährend fesselt, trägt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin. Geschmeide blitzten mir entgegen, große träumerische Perlen, ein köstlich strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, zärtlich funkelnde Smaragde.
Allein zärtlicher noch und schimmernder, ein Triumph für die ersten Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schönen Frau mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der bekanntesten jungen Männer von Paris, morbid und unverschämt, den Hut vom Winde etwas zurückgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr entgegenfuhr.