„Es geht sich heute so schön,“ sagte da plötzlich dicht neben mir ein Pariser Freund, „haben Sie Zeit?“
„Aber bleiben wir in diesen Straßen,“ sagte ich, „man wird da von dem Leben ringsumher wie von Wellen so schön fortgerissen.“
Zwar hörte man vor dem Getöse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang, unnachahmliche Mäntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches glänzende, bewegte Bild. „Ach,“ seufzte ich, „mir ist hier oft, als müßte mein Herz brechen vor Sehnsucht nach Geld!“
„Nach Geld?“ rief er erstaunt.
„Ja,“ sagte ich, „ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fähigkeiten steigern.“
„Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen.“
Aber hier erlitt unser Gespräch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam kamen uns zwei hinreißende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Göttliche Schultern trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verklärten es. Es lag etwas halb Zärtliches, halb Spöttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit selbst. Und es war, als zöge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.
„Folgen wir ihnen!“ schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee genommen wird, der — wie allerorts in Paris — zu wünschen übrig läßt; sie glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war für mein Empfinden der äußere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen, sehr erstrebenswerten Formensinns. Übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gewöhnlichkeit.
Ich hatte die Eckplätze links am Eingang gewählt, die zugleich einen Ausblick auf die Treppe gewährten, denn die Menschen, die dort vorüberkamen, waren als Millionärtypen vielleicht noch charakteristischer. Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von A*, eine sehr schön gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe stand, sah mit theatralischer Unverschämtheit um sich her und verschwand. In unserer Nähe ließ eine Österreicherin, die Frau eines durchreisenden Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-französischen Jargon vernehmen. Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu große politische Wißbegierde niemals lästig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie Bismarck ihn verhöhnte) noch gänzlich erfüllt. Weder jung noch schön, aber von ansehnlicher Größe, mit ihren konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des „High Life“. Mit groben aber wohlgepflegten Händen schwang sie unaufhörlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die Welt des Salons auffing und spiegelte.