„Rom ist deliciös,“ hörten wir sie sagen — „c’est autre chose que la Suède! Ganz die große Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem; die Unmasse von Engagements, déjeuners, dîners und die vielen jours . . .“ sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der „großen Welt“ erblickt, der auf sie lossteuerte: „Sie hier, cher Comte?“
Es war alles so ergötzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander lächelnd an: „Ihre zwei Göttergestalten scheinen sich in die oberen Stockwerke verloren zu haben,“ bemerkte er. Indes kam die Marchioness von A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich schönen Mädchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, gehörte er zweifellos zu den Gebietenden dieser Erde. Sein großes weißes Gesicht trug zugleich den Stempel der Oberflächlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr machtvolle oder reiche Persönlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle Entfaltung.
Plötzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewußtsein gänzlich entfallen, war ich mir plötzlich meiner selbst aufs heftigste bewußt. Keine Paläste mit unschätzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! Über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am schönsten blühte, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fuß. „Kein Ersatz,“ dachte ich, „ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhaßter, tödlicher Entsagung von sich schleudern!“
Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die Säule von Vendôme, aber nicht länger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.
„Ich begreife Sie nicht,“ sagte der Pariser Freund, „ist es denn möglich, daß Ihnen solche Leute imponieren?!“
„Ich nehme sie ja nicht persönlich,“ sagte ich. „Aber wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeinträchtigen können. Und weil sich um die gewöhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu schön geworden.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.
Nach dem Gewoge der Straßen schienen die Tuilerien so weit und still.
Alles lag in jenem entzückend feinen, mattsilbernen Ton der zärtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen Bäumen ihre Düsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.