Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es genügt, ein bißchen Umschau in den europäischen Städten zu halten, um bei der Rückkehr in die eigene, ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die Einsicht nicht her), aber — schmunzeln zu lernen.

Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in welch charakteristischen Prägungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr er überall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. — Ich wüßte nichts, was einen vom Snobismus gründlicher kurieren könnte, wie das Reisen.

Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in London), fragte ich: „Und wie steht es hier mit den Juden?“ „Oh we love them!“ rief die Frau des Hauses, die eine sehr große Dame war; „they are so nice and rich!“

Nie und nimmer hätte sie geduldet, daß sich ihre Nichte mit einem Arzt verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance durchaus nicht mehr die Rede.

Es ist wahr, daß Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie bei den vornehmen Engländern. Aber man übersieht, daß ihre oft sehr krasse Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, daß sie glauben, der Bildung entraten zu dürfen: „It is not smart to be clever“, wurde mir in London allen Ernstes gesagt.

Ich traf dort öfters die schöne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der sie beim Tanz die Schleppe warf, der vergaß zur Stelle alle unschönen und traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hüte sehr hingerissen, sagte ich ihr eines Tages, daß keine Frau in London deren so viele und so reizende besaß. — Tief errötend mit einem empörten Blick und ohne mich einer Antwort zu würdigen, starrte sie mich an.

Was hatte die schöne Lady gekränkt?

Es trifft sich, wie ganz London weiß, — teilte mir im korrektesten Tone einer ihrer Freunde mit, — daß Lady Beatrix infolge ihrer zerrütteten Lage als Essayeuse in einem Hutgeschäft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafür erhält, ermöglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.

Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.

„Hat sie denn nichts gelernt?“ rief ich bestürzt.